Früher ging das so: Wenn ein Kind ein anderes beleidigte, konnte das beleidigte Kind seine Handfläche zeigen und rufen: «Spiegel!» Die Beleidigung prallte dann zurück auf den Beleidiger, logo. Worauf wiederum das erste Kind beide Hände hochhalten konnte zum «Doppelspiegel», was dann das zweite Kind dazu brachte, «Doppelspiegel mal Gotteszahl» zu sagen. Dann hatte das erste Kind natürlich nichts mehr zu melden, der Streit war vorbei, denn Gotteszahl ist die grösste Zahl, die es gibt. Ist ja klar.
Dieser hübsche Ablauf fiel mir wieder ein, als ich letzte Woche Monsieur Sommers Replik las. (Die ging etwa so: «Stimmt gar nicht, dass wir Bieler verkrampft sind, ihr Berner seid ja selber verkrampft, nämlich!»)
Ich hab jetzt aber keine Zeit mehr für solche Kinderspielchen, weil an meine Tür klopft ein eleganter Herr, sein Name ist Herbst, wir gehen an der Front Vermicelles essen und werfen dann noch einen Blick auf die Alpen. Also adieu.
(Nur noch eines, Monsieur Sommer: Doppelspiegel mal Gotteszahl und immer noch 1 mehr.)
Sarah Pfäffli
Samstag, 10. Oktober 2009
Samstag, 3. Oktober 2009
Bienne: Entspannter Stolz
In Biel war Samstag, es gab Kaffee, Gipfeli und Zeitung. Ich las Kollegin Pfäfflis jüngste Kolumne. Skeptisch macht es also, dass wir Bieler ständig betonen müssen, wie gut unsere Stadt doch ist. Wir sollen uns mal entspannen.
Ich überlegte noch, was ich mit den Worten aus Bern anfangen sollte, als ein alter Freund nebenan Platz nahm. Entspannen, sagte er nach der Zeitungslektüre. Entspannen sei ein gutes Stichwort. Das sei exactement das, was uns von den Bernern unterscheide. Das Entspanntsein.
Früher, berichtete er, habe er mal kurz in Bern gelebt. Der See habe ihm gefehlt, klar, die Altstadt. Und die Hanfläden. Wirklich gestört habe ihn in Bern aber die Mehrheit der Bewohner. Nur ja nicht mit Fremden sprechen, nur ja kein Französisch verstehen, nur ja immer die komplizierte Frisur spazieren führen.
Dass wir Bieler da entspannter seien, mache ihn stolz, sagte der Freund. Verdammt stolz.
Fabian Sommer
Ich überlegte noch, was ich mit den Worten aus Bern anfangen sollte, als ein alter Freund nebenan Platz nahm. Entspannen, sagte er nach der Zeitungslektüre. Entspannen sei ein gutes Stichwort. Das sei exactement das, was uns von den Bernern unterscheide. Das Entspanntsein.
Früher, berichtete er, habe er mal kurz in Bern gelebt. Der See habe ihm gefehlt, klar, die Altstadt. Und die Hanfläden. Wirklich gestört habe ihn in Bern aber die Mehrheit der Bewohner. Nur ja nicht mit Fremden sprechen, nur ja kein Französisch verstehen, nur ja immer die komplizierte Frisur spazieren führen.
Dass wir Bieler da entspannter seien, mache ihn stolz, sagte der Freund. Verdammt stolz.
Fabian Sommer
Samstag, 26. September 2009
Bern: Relax, take it easy
Aha. Ein YB-Abo gilt in Biel also nicht als Ausweis, wie Monsieur Sommer vergangene Woche hier schrieb. Und sogar die Standesbeamtin sagt nach der Trauung «Ici c’est Bienne». Als könnte das in Biel jemand vergessen, bei all dem Lokalpatriotismus, den die Biennois pausenlos zur Schau stellen.
Nicht bös gemeint. Ich mag Biel, es hat etwas Mediterranes, nicht nur wegen des Siffs und der Gewalt, wie fiese Zungen behaupten. Aber dieses nonstoppe «Biel ist super, olé olé» kann ich als Bernerin nicht nachvollziehen. Weil wir haben ja auch Freude an unserer kleinen Stadt. Aber wir müssen nicht ständig ihre Vorzüge loben, immer «Bärn, i ha di gärn» rumbrüllen. Wir haben gar die Grösse, selbstkritisch zu sein. Können selbst in Weltstädte wie New York oder Zürich fahren, ohne stets zu betonen, wie hübsch Bern doch sei.
Irgendwie macht es ja schon skeptisch, wenn man die ganze Zeit betonen muss, dass etwas im Fall uuuh gut ist.
Liebe Bieler. Ich will euch ja nichts unterstellen. Ich sag nur: Entspannt euch mal.
Sarah Pfäffli
Nicht bös gemeint. Ich mag Biel, es hat etwas Mediterranes, nicht nur wegen des Siffs und der Gewalt, wie fiese Zungen behaupten. Aber dieses nonstoppe «Biel ist super, olé olé» kann ich als Bernerin nicht nachvollziehen. Weil wir haben ja auch Freude an unserer kleinen Stadt. Aber wir müssen nicht ständig ihre Vorzüge loben, immer «Bärn, i ha di gärn» rumbrüllen. Wir haben gar die Grösse, selbstkritisch zu sein. Können selbst in Weltstädte wie New York oder Zürich fahren, ohne stets zu betonen, wie hübsch Bern doch sei.
Irgendwie macht es ja schon skeptisch, wenn man die ganze Zeit betonen muss, dass etwas im Fall uuuh gut ist.
Liebe Bieler. Ich will euch ja nichts unterstellen. Ich sag nur: Entspannt euch mal.
Sarah Pfäffli
Samstag, 19. September 2009
Bienne: YB-Fan
In Biel war Hochzeit, es gab Champagner auf dem Kiesplatz vor dem Zivilstandsamt. Ein prunkvolles Gebäude in prunkvoller Umgebung übrigens. War im 17. Jahrhundert der Landsitz eines französischen Offiziers, aber das nur nebenbei.
Ich traf einen Bekannten mit Cüpli und Lachsbrötli in der Hand, der eben seines Amtes als Trauzeuge gewaltet hatte. Ein überzeugter Berner, folglich YB-Fan.
Die Hochzeit, sagte er, sei sehr schön gewesen, die Standesbeamtin nett und souverän. Nur eine Sache habe ihm zu denken gegeben. Ihr Bieler, sagte er, seid schon verdammt stolze Siechen.
Ich lächelte stolz.
Er habe seine ID vorlegen müssen, als Trauzeuge sei das Vorschrift, berichtete der Bekannte. Als er den Ausweis nicht gleich finden konnte, habe er die Standesbeamtin angelächelt und gefragt, ob auch das YB-Saisonabi reiche. Die Standesbeamtin habe ihn streng angeschaut. Und dann, erzählte der Bekannte, habe sie gesagt: Sorry, mein Lieber, ici c’est Bienne.
Fabian Sommer
Ich traf einen Bekannten mit Cüpli und Lachsbrötli in der Hand, der eben seines Amtes als Trauzeuge gewaltet hatte. Ein überzeugter Berner, folglich YB-Fan.
Die Hochzeit, sagte er, sei sehr schön gewesen, die Standesbeamtin nett und souverän. Nur eine Sache habe ihm zu denken gegeben. Ihr Bieler, sagte er, seid schon verdammt stolze Siechen.
Ich lächelte stolz.
Er habe seine ID vorlegen müssen, als Trauzeuge sei das Vorschrift, berichtete der Bekannte. Als er den Ausweis nicht gleich finden konnte, habe er die Standesbeamtin angelächelt und gefragt, ob auch das YB-Saisonabi reiche. Die Standesbeamtin habe ihn streng angeschaut. Und dann, erzählte der Bekannte, habe sie gesagt: Sorry, mein Lieber, ici c’est Bienne.
Fabian Sommer
Samstag, 12. September 2009
Bern: Magglingen
Bern ist eine Verliererstadt. Das ist jetzt nicht bös gemeint, im Gegenteil. Es ist ein Kompliment. Berner können einfach tipptopp einstecken, souverän verlieren. Ganz im Gegensatz zu mir. Verliere ich, stänkere ich wie ein kleiner Goof. Dafür kann ich absolut supergut gewinnen. Aber das ist ja keine Kunst.
Richtige Berner dagegen haben den Verliererinstinkt. Deshalb versäbelt YB immer alles im entscheidenden Spiel. Deshalb erklingt nach einem YB-Sieg im Stadion auch kein triumphales «We are the Champions». Sondern ein wehmütiges Züri-West-Lied, das klingt, als wäre ein Sieg etwas Bitteres. Eine passende Hymne für Bern.
Eine passende Hymne für Zürich hingegen sei «Traffik» von Züri West. Das schreibt das deutsche Magazin «Neon» in seiner jüngsten Ausgabe. Mal abgesehen vom offensichtlichen Missgeschick («Ah! Züri West! Bestimmt eine Züricher Band!»): In «Traffik» besingt die Band einen TV-Softporno.
Arme Züricher. Was für ein Tiefschlag. Aber in Magglingen gibts bestimmt einen Kurs «Einstecken für Anfänger» oder so. Ich komme gern mit.
Sarah Pfäffli
Richtige Berner dagegen haben den Verliererinstinkt. Deshalb versäbelt YB immer alles im entscheidenden Spiel. Deshalb erklingt nach einem YB-Sieg im Stadion auch kein triumphales «We are the Champions». Sondern ein wehmütiges Züri-West-Lied, das klingt, als wäre ein Sieg etwas Bitteres. Eine passende Hymne für Bern.
Eine passende Hymne für Zürich hingegen sei «Traffik» von Züri West. Das schreibt das deutsche Magazin «Neon» in seiner jüngsten Ausgabe. Mal abgesehen vom offensichtlichen Missgeschick («Ah! Züri West! Bestimmt eine Züricher Band!»): In «Traffik» besingt die Band einen TV-Softporno.
Arme Züricher. Was für ein Tiefschlag. Aber in Magglingen gibts bestimmt einen Kurs «Einstecken für Anfänger» oder so. Ich komme gern mit.
Sarah Pfäffli
Samstag, 5. September 2009
Bern: Wäh, wandern
Auf einmal müssen meine Gspänli früher vom Ausgang heim. Ganz gesunde junge Menschen bleiben nüchtern und gehen um Mitternacht ins Bett. Weil: «Ich muss morgen um 6 aufstehen, wir machen eine Tour.»
Diese Art Tour hat aber nichts mit Rock'n'Roll zu tun. Nein: Plötzlich gehen alle wandern. Der neue Trendsport. Natur ist nicht mehr doof und wäh, sondern cool und real. Mal abschalten vom Job, mal gucken, wo das Biojoghurt herkommt, mal vermantschte Sandwiches zum Zmittag, mal saubere Luft.
Okay, dann tschesé. Ich bleib unterdessen im kaputten 3007, weil mir fehlen für solche Unternehmungen Disziplin und Tatkraft. Ich wandere dafür ab und zu vom Bett zum Grill, sauge zwei Mal pro Woche eine Kakerlake in den Staubsauger, geniesse das Grün meiner Zimmerpflanzen, ermorde im Geiste die Krähen vor meinem Schlafzimmerfenster und grüsse nachts den Fuchs, der in meinem Quartier Babys aufzieht.
Das ist ja wohl mehr als genug Natur für ein Menschenleben.
Sarah Pfäffli
Diese Art Tour hat aber nichts mit Rock'n'Roll zu tun. Nein: Plötzlich gehen alle wandern. Der neue Trendsport. Natur ist nicht mehr doof und wäh, sondern cool und real. Mal abschalten vom Job, mal gucken, wo das Biojoghurt herkommt, mal vermantschte Sandwiches zum Zmittag, mal saubere Luft.
Okay, dann tschesé. Ich bleib unterdessen im kaputten 3007, weil mir fehlen für solche Unternehmungen Disziplin und Tatkraft. Ich wandere dafür ab und zu vom Bett zum Grill, sauge zwei Mal pro Woche eine Kakerlake in den Staubsauger, geniesse das Grün meiner Zimmerpflanzen, ermorde im Geiste die Krähen vor meinem Schlafzimmerfenster und grüsse nachts den Fuchs, der in meinem Quartier Babys aufzieht.
Das ist ja wohl mehr als genug Natur für ein Menschenleben.
Sarah Pfäffli
Bienne: Bisle
In Biel war Montagabend, die Stimmung war sosolala. Niemand bestellte Alkohol, Wochenanfang und so. Ich traf trotzdem einen alten Kollegen.
Ihm sei heute im Büro etwas passiert, das nur einem Mann passieren könne, erzählte er. Gegen 11 Uhr habe er pinkeln müssen. Kein Thema eigentlich.
Doch bei ihm im Büro stünden die Pissoirs sehr nahe nebeneinander, und zwar ohne Trennwand. Wenn da das Nachbarpissoir besetzt sei, könne er nicht. Er könne so einfach nicht, knurrte der Kollege.
Der Worst Case sei um Punkt 11 Uhr eingetroffen. Und der Kollege vor dem Nachbarpissoir habe offenbar das genau gleiche Problem. Also: 2 Männer, 2 Pissoirs, 0 Milliliter Urin, 1 Million Peinlichkeitspunkte. Beide hätten dann pro forma abgeschüttelt und seien wortlos Richtung Arbeitsplatz abmarschiert.
Exakt acht Minuten später habe er einen zweiten Anlauf genommen, erzählte der Kollege. Rat mal, sagte er leise.
Rat mal, wer reingekommen ist, als ich gerade gekonnt hätte.
Fabian Sommer
Ihm sei heute im Büro etwas passiert, das nur einem Mann passieren könne, erzählte er. Gegen 11 Uhr habe er pinkeln müssen. Kein Thema eigentlich.
Doch bei ihm im Büro stünden die Pissoirs sehr nahe nebeneinander, und zwar ohne Trennwand. Wenn da das Nachbarpissoir besetzt sei, könne er nicht. Er könne so einfach nicht, knurrte der Kollege.
Der Worst Case sei um Punkt 11 Uhr eingetroffen. Und der Kollege vor dem Nachbarpissoir habe offenbar das genau gleiche Problem. Also: 2 Männer, 2 Pissoirs, 0 Milliliter Urin, 1 Million Peinlichkeitspunkte. Beide hätten dann pro forma abgeschüttelt und seien wortlos Richtung Arbeitsplatz abmarschiert.
Exakt acht Minuten später habe er einen zweiten Anlauf genommen, erzählte der Kollege. Rat mal, sagte er leise.
Rat mal, wer reingekommen ist, als ich gerade gekonnt hätte.
Fabian Sommer
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