Samstag, 17. Juli 2010

Bienne: Alternative

In Biel war das Volksfest Braderie seit einigen Stunden zu Ende. Eine beinahe bedrohliche Stille lag über der Stadt. Müll, Bierzelte und Menschen waren weggeräumt.

Es wurde Zeit, sich gewisse Beobachtungen der vergangenen drei Tage in Erinnerung zu rufen. Da war einerseits der ältere Herr, der am Montagmorgen um 1.30 Uhr rücklings mit ausgestreckten Beinen in einem Gebüsch lag und sich nicht mehr alleine befreien konnte.

Andererseits war da der alte Bekannte, der die Nacht auf Sonntag im Vorraum meiner Toilette verbrachte. Er war offenbar während der Geschäftsverrichtung eingenickt und dann runtergefallen. Als ich ihn fand, bettete er seinen Kopf gerade in einen mit Katzenfutter gefüllten Napf. Ich schlug ihm laut die Matratze im Abstellraum als Liegeplatz vor. Der Bekannte öffnete die Augen und schaute sehr ernst. Dann sagte er: Das ist eine gute Alternative.

Fabian Sommer

Samstag, 10. Juli 2010

Bern: Scheinschwanger

Etwas müsse da im Wasser sein. Irgendein Virus. Das mutmasste kürzlich ein mir bekanntes Frollein über das Lorrainebad. Die Epidemie, die dort grassiere: Kinder. In der Lorrainebadi wird man schwanger!, sagte sie sehr überzeugt. Ich sagte: Geh ich gleich mal gucken.

Und sie hatte recht. Überall Bekinderte. Überall Lenis, Lenas, Lunas, Luans, Mias, Neos, die mit Sonnencreme eingeschmiert wurden oder aus Tupperware gefüttert oder im Plantschbecken gereinigt. Gern rannten sie auch davon, immer rennen kleine Kinder davon.

Ich schaute ein wenig zu, hielt mich aber von allen Ansteckungsherden fern. Dann ging ich den Altenberg hoch, verbrannte mir die Füsse, sprang in die Aare, stiess einen spitzen Kälteschrei aus und liess mich treiben.

Erst als ich wieder daheim war, bemerkte ich meinen Bauch. Er war ganz rund. Kurz dachte ich, ich hätte mich angesteckt.

Aber es waren nur die Pommes frites mit Currysauce. Puh.

Samstag, 3. Juli 2010

Bienne: Fussball

In Biel war überall Fussball-WM. Ich traf überall Bekannte. Mit einem von ihnen schwelgte ich nach dem tristen Spiel Schweiz - Honduras in der gemeinsamen Juniorenfussballzeit.

Damals hatten wir einen Trainer namens Harry F. Er war ein Mann der weisen Worte. Als wir einmal bei 31 Grad um den Aufstieg in die zweittiefste D-Junioren-Klasse kämpften und um einen Kübel Wasser an der Seitenlinie bettelten, sagte er: Schweiss kühlt auch, Giele. Ein Spiel später stellte er dann einen Mittelstürmer mit Rückennummer 2 auf. So verwirre man den Gegner, erklärte er.

Der alte Bekannte und ich wurden uns gerade darüber einig, dass Harry F. Ottmar H. unbedingt als Nationaltrainer ablösen muss, als aus dem Nichts ein Mann auftauchte. Es war der nur erstaunlich wenig gealterte Harry F. Als Erstes fragte er, ob es eigentlich politisch korrekt sei, Blaise Nkufo als schwarzes Loch für Bälle zu bezeichnen.

Fabian Sommer

Samstag, 26. Juni 2010

Bern: Hollywood

Bern ist ja so was wie Hollywood. An jeder Ecke ein Star. Am Rodeo Drive (Amthausgasse) in den Promi-Schuppen (Diagonal, Fédéral et al.) ist die Dichte besonders hoch. Oft zwar nur Politiker, aber hey, immerhin. Letztes Mal: ein Wirtschaftsboss, der ein Grosi-Einkaufswägeli hinter sich herzieht. Anderes Mal, anderes Lokal: Ein Ex-Mister-Kandidat tanzt besoffen auf dem Tisch. Und wer schaut zu? Ein Eishockeyprofi und ein Boxer, der jede Frau in Sichtweite anflirtet. Im Technoclub trifft man an Weihnachten einen alternden Musiker. Im Spital wird man von einer Ex-«Musicstar»-Kandidatin gepflegt. Im Café lauscht man dem Ärger einer Actrice. Im Quartier trifft man die Dings, die eine Affäre mit dem Dings hat, und wohnt neben einem selbst ernannten Pornodarsteller. Ü-be-rall Stars!

Das ist einfach ganz wunderbar. Und geht nur, weil die Berner so wahnsinnig diskret sind. Hier kann man eben noch auf die Strasse, ohne dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht.

Hihi.

Sarah Pfäffli

Samstag, 19. Juni 2010

Bienne: Frienisberg

In Biel war Sonntagmittag, dunkle Wolken hingen über den Hügeln rund um die Stadt. Richtung Chasseral war es dunkelgrau, Richtung Frienisberg schon nachtschwarz.

Ich traf einen alten, aber entfernten Bekannten. Die Wetterlage inspirierte uns, eine alte Weisheit auszugraben. Keine Sorge, heute regnets nicht, sagte ich. Die dunklen Wolken ziehen über den Frienisberg weg, wie immer.

Einige wortlose Minuten in der brennenden Sonne später wurde der Bekannte plötzlich nachdenklich. Mit den dunklen Wolken, meinte er in ernstem Ton, sei es möglicherweise wie mit anderen problematischen Dingen im Leben. Er denke da an SCB-Fans. Oder an Menschen, die mit leuchtvioletten Rucksäcken an die BEA pilgern. Oder an Fussballteams, die immer im letzten Spiel alles verlieren.

Man muss nur am richtigen Ort leben, sagte der Bekannte, dann zieht das Dunkle automatisch über den Frienisberg weg.

Fabian Sommer

Samstag, 12. Juni 2010

Bern: Bittersüss

Randständiger Wurmfarn, Knotige Braunwurz, Gewöhnlicher Fenchel, Aufgeblasene Lobelie, Wilde Karde, Festknolliger Lerchensporn, Dornige Hauhechel, Goldlack, Ballonpflanze, Leberblümchen, Wunderbaum, Bittersüss, Echtes Seifenkraut, Kleine Bibernelle, Edel-Gamander, Etagenzwiebel, Einjähriger Beifuss, Muskateller-Salbei, Schleime (grün), Klatschmohn, Europäischer Wolfsfuss, Echte Ochsenzunge, Echte Hundszunge, Löwenschwanz, Scharfer Hahnenfuss, Virginischer Tabak, Ausdauerndes Bingelkraut, Aufrechtes Glaskraut, Weiblicher Waldfarn, Wanzenkraut, Warzenkraut, Zottiges Purpurglöckchen, Gebräuchlicher Ehrenpreis, Taumel-Lolch, Gemeines Lungenkraut.

In Bern gedeihen ganz viele seltsame Pflänzchen. Nur sind nicht alle so gut verwurzelt und so hübsch anzuschauen wie jene dort am kühlen grünen Hang, unter der Brücke, an der Aare, wos so schön ist, dort, im Botanischen Garten.

Ich wollt, ich wär ein Bittersüss.

Samstag, 5. Juni 2010

Bienne: Kinder

In Biel war Gartenparty. In einer Badewanne mit Eis lagen geschätzte vierhundert Halbliterdosen Bier und gezählte zwei Literflaschen Mineral. Ich traf viele alte Bekannte.

Einer von ihnen war bereits ziemlich bouré und erzählte die seiner Meinung nach beste Lebensweisheit aller Zeiten. Am Abend, sagte er, lege er die Zeitung jeweils in den Kühlschrank. Damit er am nächsten Morgen schön frische Nachrichten habe.

Ich lächelte müde und ging einen Tisch weiter. Dort ging es um die Weisheiten der Kinder, ein definitiv gutes Thema. Ein Freund habe ihre fünfjährige Tochter drei Minuten vor Schluss des kürzlich ausgetragenen Champions-League-Finals gefragt, was denn die Bayern noch tun könnten, um den Match beim Stand von 2:0 für Inter Mailand noch zu drehen, erzählte eine Bekannte. Sie wisse etwas, habe das Mädchen geantwortet: Leibchen tauschen.

Fabian Sommer