Samstag, 15. Juni 2013

Bienne: Raclette mit alles

In Biel war der Supersommer voll im Gange. Definitiv nicht des Wetters wegen, wie ein alter Bekannter bemerkte. Sondern, weil seit der Expo.02 in unserer kleinen Stadt nie so viel los war.
Etwa 60 000 Turner, 120 000 Zuschauer und 8000 Helfer besuchen Bienne seit vorgestern und bis Ende nächster Woche. Wir organisieren den grössten Sportanlass des Landes, das Eidgenössische Turnfest. Und, logisch: Die anderen regulären, legendären Bieler Sausen wie Braderie oder 100-Kilometer-Lauf finden natürlich genauso statt. 

Bis jetzt, sagte der Bekannte bei einem Kaffee am See, bereite ihm der Supersommer trotz des krassen Sturms vom Donnerstag viel Freude. Es seien allerdings weniger die Sportanlässe, Konzerte oder Partys, die ihm in Erinnerung blieben, sondern mehr die diversen lustigen Leute an den diversen lustigen Ständen. Bei einem Kebabverkäufer zum Beispiel sei gestern vor ihm ein junger Mann mit Goldkette an der Reihe gewesen. Der Mann: «Ein Döner Kebab mit alles.» Der Verkäufer: «Es heisst, mit allem, junger Mann.» Der Mann: «Gib schon Kebab mit alles.» Der Verkäufer: «Ich gebe dir deinen Döner Kebab erst, wenn du es richtig sagst.» Daraufhin sei der Goldkettenträger wortlos in Richtung Raclettezelt verschwunden. 

Fabian Sommer

Samstag, 8. Juni 2013

Burn: Pech an der Kasse

Manche Menschen wählen sich mit hoher Zuverlässigkeit an der Ladenkasse immer jene Schlange aus, bei der es am längsten dauert. Ich gehöre selbstverständlich dazu und auch zu jenen Leuten, die dann gern ungeduldig an eine andere Kasse wechseln, was natürlich eine sehr blöde Idee ist, weil ausgerechnet dann die Kassiererin noch schnell die Papierrolle wechseln muss. Oder von einem Kollegen abgelöst wird. Oder dann hat der Kunde ganz vorne vergessen, die Bananen zu wiegen, und jetzt muss er in die Fruchtabteilung rennen und den Aufkleber drucken. Den klebt er aber so unglücklich auf die Bananen, dass der Strichcode nicht mehr lesbar ist und die Kassiererin deshalb die darunterstehende Zahlenreihe entziffern und eintippen muss. Die nächste Kundin telefoniert und hat deshalb Mühe, ihr Geld aus dem Portemonnaie zu klauben, sie muss erst das iPhone zwischen Schulter und Kopf einklemmen. «Nehmen Sie die Märkli?» – «Wie? Sorry, ich bin grad am Telefon.» Aber meine Lieblinge an der Kasse sind die, die kein einziges Produkt aufs Band legen können, bevor ihre Einkäufe nicht sauber von jenen ihres Vordermanns abgetrennt sind. Sie warten ganz ungeduldig, bis dieser endlich den Warentrennstab platziert. Wer weiss, was ohne den alles passieren könnte.

Sarah Pfäffli

Samstag, 1. Juni 2013

Bienne: Bizarre Angst

In Biel war die Verwirrung allmählich gross. Auf sämtlichen Kalendern, die man in die Hände bekam, stand irgendetwas von Ende Mai oder Anfang Juni. An manchen Verkaufsstellen gab es Glace, und die Sommerfeste in und um unsere wunderbare Stadt standen vor der Tür. Irgendwas aber stimmte gar nicht. Die Leute trugen Wollmützen und Daunenjacken und tranken statt Feierabendbier am See erhitzten Feierabendschnaps in winterfesten Wirtshäusern. Irgendjemand drängte Petrus auf Twitter zum Rücktritt. Irgendjemand anders verkündete auf Facebook, er werde morgen Frau Holle vermöbeln. 

Am Bahnhof traf ich einen alten Bekannten. Er stieg von seinem Roller und musste die Handschuhe ausziehen, ehe er mich begrüssen konnte. Diese Scheissdiskussionen über das Scheisswetter würden ihm viel mehr auf den Sack gehen als das Scheisswetter an sich, fluchte er dann. Er habe vor vier Wochen beschlossen, einfach alles kommentarlos zu akzeptieren, was vom Himmel her kommt

Nur frühmorgens beim Radioeinschalten ergreife ihn jeweils eine bizarre Angst, gab er zu. Er befürchte jedes Mal, dass der nächste Song «Last Christmas» sein werde.

Fabian Sommer

Samstag, 25. Mai 2013

Burn: Das wars

Immer um diese Jahreszeit werde ich ein bisschen nostalgisch. Ich schaue in den Regen hinaus und denke mit einem Schaudern, das nicht nur von der Kälte kommt: Schön wars. Ich denke zurück, wie wir tagelang nur Röckli und Sandalen respektive T-Shirts getragen haben, die Jacken hingen kalt im Schrank. Die Badehose wurde gar nie richtig trocken, weil wir sie so oft brauchten, der Grill kühlte kaum ab. Die Fruchtfliegen zogen auf, verschmähten die clevere Essigfalle und setzten sich stattdessen auf die matschigen Thurgauer Erdbeeren, die wir zu essen vergassen, weil wir immer draussen waren. Auf dem Velo. Oder am Krebsenbach. Oder an einem Fest.

Wir assen das, was die Schnecken im neuen Garten unserer Freunde übrig gelassen hatten, ein paar Zucchetti, ein paar Rüebli, man musste nur ein bisschen die Frassstellen wegschneiden, dann gings. Zum Arbeiten stellten wir Ventilatoren auf den Schreibtisch. Wir legten ein wenig Speck an – all das Bier und die Pommes frites, Chips, Bratwürste, Glacen. Wir hatten Mückenstiche und Sonnenbrände und Blasen an den Füssen vom heissen Asphalt und schwitzten den ganzen Tag und konnten in der Nacht nie einschlafen, es war nicht immer angenehm.

Aber trotzdem schade. Schade, ist jetzt schon Oktober.

Sarah Pfäffli

Samstag, 18. Mai 2013

Bienne: Luchs und Lachs

In Biel war Lachs aus Alaska zum Aktionspreis zu haben. Ich kaufte 750 Gramm und überass mich.

Am Nachmittag traf ich einen alten Bekannten zum Verdauungsschnäpschen in einem Café, dem wir schon so lange die Treue halten, wie wir eben Schnäpschen trinken dürfen. Treue war unser Stichwort. Nebst den Menschen und Hockeyclubs, die man liebt, gebe es im Leben ja auch andere Dinge, denen man treu sein müsse, und zwar bedingungslos und auf ewig, dozierte der Bekannte. Der Bieler Tierpark sei zum Beispiel so ein Ding. Viele Nichtbieler, polterte er, wüssten gar nicht, «dass wir überhaupt einen Zoo haben». Dabei sei der Park herrlich, am Fusse des Bözingenbergs gelegen. Freier Eintritt, tolle, normale Tiere, nix Tiger oder Bären. Luchse, Wildschweine, Hirsche, solches Zeug. Und auf der Website könne man nachlesen, wann der Luchs beim Zahnarzt war.

Luchs in Biel und Lachs aus Alaska muss man in der Tat auf ewig treu sein, dachte ich.

Fabian Sommer

Samstag, 11. Mai 2013

Burn: Bern hat ein Problem

Ich bin gerade sehr weit weg von Bern, und manchmal sieht man erst aus der Ferne gut. Wie schön es zum Beispiel ist, dass wir Schweizer unseren (Gift-)Müll selten ins erstbeste Loch/Flussbett/Gebüsch schmeissen. Dass die Arbeitslosenquote bescheiden einstellig ist. Dass wir seit sehr langer Zeit keinen Krieg hatten. Schöne Grüsse vom Balkan!

Aber dann lese ich hier im Internet die Nachrichten von zu Hause und bin besorgt. Auch in Bern gibt es nämlich ein Problem. Immerhin ist es erkannt: «Es herrscht ein breiter Konsens, dass Handlungsbedarf besteht», heisst es. «Wir prüfen zurzeit verschiedene Massnahmen», sagt das zuständige Amt. Bereits sind «Abklärungen» im Gang und «verschiedene Aktionen geplant». Gott sei Dank. Vorerst wird eine «Sensibilisierungskampagne» ausgearbeitet. Sogar «ein Sicherheitsdienst» ist angesichts der Lage eine Option. Aber genau weiss man es noch nicht. Denn: «Über das definitive Massnahmenpaket wird der Gemeinderat befinden.» (Vielleicht bräuchte es eine Arbeitsgruppe, die eine umfassende Lagebeurteilung vornimmt und einen Lösungsvorschlag evaluiert?)

Hach. Wie schön es ist, in einem Land zu leben, in dem solche Gefahren ernst genommen werden! Gefahren wie die Schwimmer, die an Sommertagen vom Schönausteg in die Aare springen.

Sarah Pfäffli

Samstag, 4. Mai 2013

Bienne: Heimspiel

In Biel war Heimspiel, wobei das in unserem Fall ein sehr relativer Begriff ist. Seit Beginn dieser Saison muss der lokale Fussballclub, der einzig wahre FCB der Welt, seine Heimpartien der zweithöchsten Schweizer Spielklasse ja in Neuenburg austragen. Weil die Ligaführung entschieden hat, dass das schöne alte Stadion Gurzelen (Baujahr 1913) nicht sicher genug ist.

Ihr müsst euch das einmal vorstellen, liebe Nichtbieler: Unsere Heimspiele finden in einem anderen Kanton statt! 30 Kilometer von Biel entfernt! Absurd ist das. Etwa so, wie wenn die Berner Young Boys in Freiburg antreten müssten, wenn sie «zu Hause» spielen dürfen.

Am Tag nach dem Spiel traf ich einen alten Bekannten. Er hatte die Zahlen zum Desaster im Kopf: 230 Zuschauer hatten sich an den Match verirrt. Durchschnittlich waren bis jetzt 585 Nasen dabei, wenn der FCB ein Heimspiel austrug. Das seien genau halb so viele wie letzte Saison in Biel, brummte er. Dann aber verkündete er grosse News: Weil der Bau der neuen Bieler Stadien begonnen hat, schätzt der Verband das Risiko, auf der Gurzelen zu spielen, vorübergehend wieder als vertretbar ein. 2013/2014 spielen wir wieder im schönen alten Stadion!

Damit, meinte der Bekannte, bleibe uns auch der Super-GAU erspart. Wir müssen garantiert nie ein Heimspiel in Bern austragen.

Fabian Sommer