Kürzlich sassen wir in einer Beiz am Wasser, und das Schöne an Bern ist ja, dass man dafür nicht an einem miefigen See hocken muss, sondern sich an ein vitales Fliessgewässer begeben kann. So kamen wir ins Schwärmen: Wie hübsch die Beiz doch sei. Mit dem Gärtli. Und dem Rauschen im Hintergrund.
Da sagte mein Gspänli einen üblen Satz: «Aber man könnte noch viel mehr draus machen.»
Er meinte es nur im Spass. Doch mich schauderte: Wenn hier erst mal ein Szene-Gastronom vergeblich einen Latte macchiato bestellt, wird der in sein Moleskine-Büchlein notieren, «aus Beiz XY könnte man eine hippe Lounge machen!», und vorbei wird es sein mit dem Frieden.
Es gibt schon genug doofe Lounges. Wir wollen Spunten. Die müssen Werbe-Sonnenschirme haben und Plastikstühle, keine Starck-Möbel und Retro-Aschenbecher, keine überforderten Studenten im Service, sondern alte Türken mit grossen Schnäuzern, keine DJ-Musik im Hintergrund, sondern nur Rauschen.
Bloss nichts «draus machen»!
Sarah Pfäffli
Samstag, 27. Juni 2009
Samstag, 20. Juni 2009
Bienne: Kalte Blatte
In Biel wars tüppig, es gab Panaché gegen die Hitze, und ich traf einen alten Arbeitskollegen. Er war in Diskutierstimmung. Der Kollege sprach über Sprache, und das gefiel mir.
In Biel, diesem vielsprachigen Schmelztiegel der Kulturen, und er sagte es so hochgestochen, gebe es mittlerweile zwei Arten von schlechtem Deutsch. Das geläufige Deutsch der welschen Bieler. Und das immer geläufiger werdende Deutsch der ausländischen Bieler.
Dass der beste Dönerladen der Stadt mit dem Slogan «Mehr Lust auf wieder essen» wirbt, sei ein klassischer Fall von Ausländerbielerdeutsch. Und auch die «kalte Blatte», die eine Bar mit schönem Plakat im Schaufenster feilbietet, sei wohl eher nicht das Werk eines überangepassten Frankofonen gewesen, meinte er.
Am Brockenhaus der Caritas jedoch sei eindeutig ein Welscher am Werk gewesen, behauptete der Kollege. So etwas erkenne er als Ur-Bieler auf den ersten Blick. Dort steht an der Eingangstüre: «Es ist verboten, diverse Sachen ausser die Öffnungszeit hier abzulegen».
Fabian Sommer
In Biel, diesem vielsprachigen Schmelztiegel der Kulturen, und er sagte es so hochgestochen, gebe es mittlerweile zwei Arten von schlechtem Deutsch. Das geläufige Deutsch der welschen Bieler. Und das immer geläufiger werdende Deutsch der ausländischen Bieler.
Dass der beste Dönerladen der Stadt mit dem Slogan «Mehr Lust auf wieder essen» wirbt, sei ein klassischer Fall von Ausländerbielerdeutsch. Und auch die «kalte Blatte», die eine Bar mit schönem Plakat im Schaufenster feilbietet, sei wohl eher nicht das Werk eines überangepassten Frankofonen gewesen, meinte er.
Am Brockenhaus der Caritas jedoch sei eindeutig ein Welscher am Werk gewesen, behauptete der Kollege. So etwas erkenne er als Ur-Bieler auf den ersten Blick. Dort steht an der Eingangstüre: «Es ist verboten, diverse Sachen ausser die Öffnungszeit hier abzulegen».
Fabian Sommer
Samstag, 13. Juni 2009
Bern: Taube, tot
Neulich wartete ich auf den Bus. Dabei schaute ich ein paar Tauben zu, die auf dem Asphalt dieses Vogel-Dings machten – beschäftigt rumeiern. Nach einiger Zeit fuhr der Bus heran, und die Tauben machten sich aus dem Staub. Nur eine wusste nicht wohin, und eierte ausgerechnet: unters Rad.
Pfltsch.
Machte es, als der Bus darüberrollte. Ein wenig knackte es auch, als würde man die Luft aus einer PET-Flasche drücken. Taube tot. Ich ekelte mich lautstark. Die Leute neben mir, die es nicht gesehen hatten, schauten verwundert und dachten wohl: Wieder so eine mit Tourette-Syndrom. Nur ein Kind sagte: «Mami, warum hets nid chönnä furtflügä?», aber Mami wusste auch keine Erklärung.
Ich schon: Darwin.
Der Vogel war zu doof, deshalb musste er sterben. Tauben sind ohnehin unnütz, und man sollte froh sein, wenns eine weniger hat. Würde ich gern denken. Aber jedes Mal, wenn ich seither die Luft aus einer PET-Flasche drücke, durchfährt mich ein taubenfreundliches Schaudern.
Sarah Pfäffli
Pfltsch.
Machte es, als der Bus darüberrollte. Ein wenig knackte es auch, als würde man die Luft aus einer PET-Flasche drücken. Taube tot. Ich ekelte mich lautstark. Die Leute neben mir, die es nicht gesehen hatten, schauten verwundert und dachten wohl: Wieder so eine mit Tourette-Syndrom. Nur ein Kind sagte: «Mami, warum hets nid chönnä furtflügä?», aber Mami wusste auch keine Erklärung.
Ich schon: Darwin.
Der Vogel war zu doof, deshalb musste er sterben. Tauben sind ohnehin unnütz, und man sollte froh sein, wenns eine weniger hat. Würde ich gern denken. Aber jedes Mal, wenn ich seither die Luft aus einer PET-Flasche drücke, durchfährt mich ein taubenfreundliches Schaudern.
Sarah Pfäffli
Samstag, 6. Juni 2009
Bienne: Güggeli
In Biel war Grillfest, es gab ganze Güggeli à 13 Franken und ich traf einen alten Freund. Er habe einen schweren Schock erlitten, berichtete er. Dass ihm das gerade jetzt, bei goldgelb gebratenen Güggeli, einfalle, komme nicht von ungefähr. Das scho-ckierende Erlebnis, erzählte der Freund, sei ihm nämlich ebenfalls in der Nähe eines Grills widerfahren.
Er sei also an diesem Fest gewesen, auf einer sehr schmalen Terrasse, wo es nicht einfach gewesen sei, zwischen Stühlen und Tischen zum Grill zu gelangen. Dort sei es passiert. Eine junge Gutaussehende habe sich zwischen Stühlen und Tischen durchgezwängt. Dabei habe sie sich dünn machen müssen, was ihre eh tief geschnittene Hose ein Stück tiefer rutschen liess. Und dann: Sei ihre Intimbehaarung aufgeblitzt! Ein dichter, pechschwarzer Busch! Bis zum Bauchnabel! Der Freund sprach jetzt so laut, dass sich der Güggelimann umdrehte.
Allmählich beruhigte sich der alte Freund wieder. Er habe der jungen Gutaussehenden dann geraten, nicht zu nahe an den Grill zu stehen, sagte er.
Er sei also an diesem Fest gewesen, auf einer sehr schmalen Terrasse, wo es nicht einfach gewesen sei, zwischen Stühlen und Tischen zum Grill zu gelangen. Dort sei es passiert. Eine junge Gutaussehende habe sich zwischen Stühlen und Tischen durchgezwängt. Dabei habe sie sich dünn machen müssen, was ihre eh tief geschnittene Hose ein Stück tiefer rutschen liess. Und dann: Sei ihre Intimbehaarung aufgeblitzt! Ein dichter, pechschwarzer Busch! Bis zum Bauchnabel! Der Freund sprach jetzt so laut, dass sich der Güggelimann umdrehte.
Allmählich beruhigte sich der alte Freund wieder. Er habe der jungen Gutaussehenden dann geraten, nicht zu nahe an den Grill zu stehen, sagte er.
Samstag, 30. Mai 2009
Bern: Indianer
Neulich am Bahnhofplatz, unter dem rostenden Baldachin, schwappt eine Welle Tieftöne über den Asphalt, bis zum Hirschengraben hört man es. Tammtammtammtamm!, klingt es schwer und ernst, und mir ist subito klar: Huch, die Indianer sind in der Stadt.
Also, das heisst eine Panflötenband. Die faszinieren ja wahnsinnig. Klang gewordene Traumfänger. Da bleiben die Leute vor stehen, stellen die Migros-Papiersäcke in die Pfütze, egal, weil die Musik ist so durchdringend, total kulturell, in Südamerika, da zählt die Tradition halt noch etwas, und dann diese tollen Kostüme.
Früher waren das ja noch richtig grosse Stämme. Inzwischen sind sie manchmal nur noch zu zweit. Dafür mit krassem Verstärker. Müssen ja alle sparen.
Denk ich mir. Beschleunige meinen Schritt und stopf mir iPod-Hörer in die Ohren. Als Schutz vor Ohrenkrebs. Weil im Gegensatz zu Vogel- und Schweinegrippe ist hiermit nicht zu spassen.
Das ist eine echte Pan-demie.
Sarah Pfäffli
Also, das heisst eine Panflötenband. Die faszinieren ja wahnsinnig. Klang gewordene Traumfänger. Da bleiben die Leute vor stehen, stellen die Migros-Papiersäcke in die Pfütze, egal, weil die Musik ist so durchdringend, total kulturell, in Südamerika, da zählt die Tradition halt noch etwas, und dann diese tollen Kostüme.
Früher waren das ja noch richtig grosse Stämme. Inzwischen sind sie manchmal nur noch zu zweit. Dafür mit krassem Verstärker. Müssen ja alle sparen.
Denk ich mir. Beschleunige meinen Schritt und stopf mir iPod-Hörer in die Ohren. Als Schutz vor Ohrenkrebs. Weil im Gegensatz zu Vogel- und Schweinegrippe ist hiermit nicht zu spassen.
Das ist eine echte Pan-demie.
Sarah Pfäffli
Samstag, 23. Mai 2009
Bienne: Ohrestäbli
In Biel war Morgen, es gab Brunch bis 16 Uhr, und ich traf einen alten Kollegen. Er habe an der Braderie einen Mann gesehen, das glaube man nicht, berichtete er.
Die Braderie, muss man wissen, ist für Bieler so ziemlich das wichtigste und schönste und gefährlichste Fest der Welt. Alle trinken drei Tage lang sehr viel. Alle essen Grillzeugs und frittierte Früchte und fettige Frühlingsrollen. Alle tanzen mit allen. Brasilianerinnen mit Jurassiern, Afrikaner mit Mädchen aus Wengi bei Büren. Und alle sind irgendwie Bieler.
Er habe an der Braderie also diesen Mann gesehen, sagte der Kollege. Der Typ sei am Samstagmittag durch die gefühlten 50000 Menschen in der Stadt gelaufen, mit einem Wattestäbchen im Ohr. Er zeichnete mit der linken Hand ein Wattestäbchen in die Luft vor seinem Ohr. So! Jetzt schrie der Kollege. Ohne Scheiss!
Er habe den Mann dann angesprochen. Oh, habe der Unbekannte mit weissem Traineroberteil gesagt. Hab ich im Ohr vergessen, das Stäbli. Merci, hä.
Fabian Sommer
Die Braderie, muss man wissen, ist für Bieler so ziemlich das wichtigste und schönste und gefährlichste Fest der Welt. Alle trinken drei Tage lang sehr viel. Alle essen Grillzeugs und frittierte Früchte und fettige Frühlingsrollen. Alle tanzen mit allen. Brasilianerinnen mit Jurassiern, Afrikaner mit Mädchen aus Wengi bei Büren. Und alle sind irgendwie Bieler.
Er habe an der Braderie also diesen Mann gesehen, sagte der Kollege. Der Typ sei am Samstagmittag durch die gefühlten 50000 Menschen in der Stadt gelaufen, mit einem Wattestäbchen im Ohr. Er zeichnete mit der linken Hand ein Wattestäbchen in die Luft vor seinem Ohr. So! Jetzt schrie der Kollege. Ohne Scheiss!
Er habe den Mann dann angesprochen. Oh, habe der Unbekannte mit weissem Traineroberteil gesagt. Hab ich im Ohr vergessen, das Stäbli. Merci, hä.
Fabian Sommer
Samstag, 16. Mai 2009
Bern: BEA
Neulich war BEA, und wenn jemand fragt, wie ich das gemerkt habe, dann rufe ich: Das sieht man doch!
Und zwar daran, dass Hockey vorbei ist und trotzdem so viele Landmenschen in der Stadt rumlaufen. Daran, dass überall Familien sitzen und Sandwiches essen und Tee aus der Feldflasche trinken, die Kinder tragen Sponsorenhüte: Alinghi. John Deere. Landi; die Eltern tragen Regenjacken, Vater und Mutter die gleiche, unisex, zweifarbig. Wenn es nicht regnet, kann man die um die Hüfte binden.
Derweil ärgern sich die Stadtmenschen, weil die BEA-Touristen Rolltreppen und Trams verstopfen und überall im Weg stehen und immer so! langsam! gehen. Aber auch die BEA-Besucher sind froh, wenn sie nach der Weindegustation wieder heim können, weil: Ach, in diesem Bern ist es so hektisch, und nirgends ein Grün!, da haben wir es schon schön in Dings-wil!
Am Wochenende müssen sich die Stadtleute von all dem Ärger erholen. Auf einer Wanderung durch Dings-wil. Landluft schnuppern halt.
Sarah Pfäffli
Und zwar daran, dass Hockey vorbei ist und trotzdem so viele Landmenschen in der Stadt rumlaufen. Daran, dass überall Familien sitzen und Sandwiches essen und Tee aus der Feldflasche trinken, die Kinder tragen Sponsorenhüte: Alinghi. John Deere. Landi; die Eltern tragen Regenjacken, Vater und Mutter die gleiche, unisex, zweifarbig. Wenn es nicht regnet, kann man die um die Hüfte binden.
Derweil ärgern sich die Stadtmenschen, weil die BEA-Touristen Rolltreppen und Trams verstopfen und überall im Weg stehen und immer so! langsam! gehen. Aber auch die BEA-Besucher sind froh, wenn sie nach der Weindegustation wieder heim können, weil: Ach, in diesem Bern ist es so hektisch, und nirgends ein Grün!, da haben wir es schon schön in Dings-wil!
Am Wochenende müssen sich die Stadtleute von all dem Ärger erholen. Auf einer Wanderung durch Dings-wil. Landluft schnuppern halt.
Sarah Pfäffli
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