In Biel war Mittag und Sonnenschein, man konnte wieder einmal draussen essen. Ich traf eine alte Bekannte.
Wir verdrängten das anstehende Leben-oder-Tod-Hockeyspiel vom Wochenende und streiften dafür im Gespräch kurz die Berner Bärenbabys. Viel süsser, sagte die Bekannte, sei das Bieler Biberbaby, das seit kurzem im Parc d’Elfenau lebe.
Wir erfanden weitere Tierkinderalliterationen, die Zürcher Zwergziege, das Solothurner Stachelschwein und die Schwarzenburger Suppenschildkröte etwa.
Dann wurde unsere Frühlingsdiskussion jäh durch eine recht merkwürdige Afrobielerin unterbrochen. Die Gute postierte sich auf der Terrasse des Restaurants, tigerte hin und her und gestikulierte wild vor sich hin. Dazu schrie sie in einer uns unbekannten Sprache auf ein imaginäres Gegenüber ein.
Sie liebe unsere Stadt und ihre verwirrten Vögel, meinte die alte Bekannte.
Fabian Sommer
Samstag, 24. April 2010
Samstag, 17. April 2010
Bern: Eishockey
Ich bin eine Eishockey-Skeptikerin. Nicht der Sport stört mich; der ist bei mir als schönes, hartes, schnelles Männerspiel beliebt. Sondern die Fans. Ich fühle mich unter ihnen, nun ja, nicht daheim. Die einzige Ausnahme bilden – Achtung jetzt – die Anhänger des EHC Biel.
Meine Sympathien für sie gründen in einem Schlüsselerlebnis: Vor ein paar Jahren stand ich an einem Biel-Match in der Fankurve, als neben uns zwei glatzköpfige Männer auftauchten, die ihre rechte Gesinnung nicht eben verbargen. Die Bieler Fans bemerkten sie, vergassen das Spiel und skandierten so lange «Nazis raus!», bis die zwei gedemütigt von dannen zogen. Ich hatte Gänsehaut.
Am Donnerstag war ich nun wieder mal an einem Biel-Spiel. Der EHCB lag in der Serie vorne und verlor logischerweise 1:5, weil auch die Bieler eben Berner sind und sich schwertun mit der Favoritenrolle. Nachdem Lötscher kurz vor Schluss doch noch zum Ehrentor getroffen hatte, forderten die Bieler Fans: «Egalisez! Egalisez!». Et c’est pour ça que j’aime les Biennois.
Sarah Pfäffli
Meine Sympathien für sie gründen in einem Schlüsselerlebnis: Vor ein paar Jahren stand ich an einem Biel-Match in der Fankurve, als neben uns zwei glatzköpfige Männer auftauchten, die ihre rechte Gesinnung nicht eben verbargen. Die Bieler Fans bemerkten sie, vergassen das Spiel und skandierten so lange «Nazis raus!», bis die zwei gedemütigt von dannen zogen. Ich hatte Gänsehaut.
Am Donnerstag war ich nun wieder mal an einem Biel-Spiel. Der EHCB lag in der Serie vorne und verlor logischerweise 1:5, weil auch die Bieler eben Berner sind und sich schwertun mit der Favoritenrolle. Nachdem Lötscher kurz vor Schluss doch noch zum Ehrentor getroffen hatte, forderten die Bieler Fans: «Egalisez! Egalisez!». Et c’est pour ça que j’aime les Biennois.
Sarah Pfäffli
Samstag, 10. April 2010
Bienne: Stöckli
In Biel war bald Wochenende, und für einmal wurde die Wahlpropaganda von Rechtsaussenparteien wie der SVP Realität: Es herrschte ein Klima der Angst.
Es war nicht die Angst vor Ausländern, Kriminellen, Hip-Hoppern, saufenden Teenies, SCB-Fans. Es war echte Angst. Angst vor dem Fall ins Bodenlose. Vor schmerzhafter Leere. Angst vor Eishockey in Liga B.
Für den EHC Biel stand die Ligaqualifikation an, und ich wollte niemanden treffen.
Hatte Anfang Woche mit dem EHCB-Präsidenten gesprochen. Ihm gehe es sehr schlecht, sagte er. Hatte vom EHCB-Chefberichterstatter der Lokalzeitung gehört. Er könne nicht mehr und habe sein Amt abgegeben, hiess es. Hatte versucht, Stadtpräsident Hans Stöckli anzurufen. Zumindest das linderte die prädescente Depression ein wenig. Auf seiner Combox hat der Mann den schönsten Bieler Lokalpatriotenspruch für seine Zwecke adaptiert: «Ici, c’est Stöckli.»
Fabian Sommer
Es war nicht die Angst vor Ausländern, Kriminellen, Hip-Hoppern, saufenden Teenies, SCB-Fans. Es war echte Angst. Angst vor dem Fall ins Bodenlose. Vor schmerzhafter Leere. Angst vor Eishockey in Liga B.
Für den EHC Biel stand die Ligaqualifikation an, und ich wollte niemanden treffen.
Hatte Anfang Woche mit dem EHCB-Präsidenten gesprochen. Ihm gehe es sehr schlecht, sagte er. Hatte vom EHCB-Chefberichterstatter der Lokalzeitung gehört. Er könne nicht mehr und habe sein Amt abgegeben, hiess es. Hatte versucht, Stadtpräsident Hans Stöckli anzurufen. Zumindest das linderte die prädescente Depression ein wenig. Auf seiner Combox hat der Mann den schönsten Bieler Lokalpatriotenspruch für seine Zwecke adaptiert: «Ici, c’est Stöckli.»
Fabian Sommer
Samstag, 3. April 2010
Bern: Genauso, nur anders
Am Bahnhofeingang auf jemanden warten ist eine gute Übung für die Toleranz. Nicht nur demjenigen gegenüber, der einen versetzt. Hier, im Rauchverbotsgrenzgebiet und nah am Alkoholnachschub, machen Jugendliche tagein und vor allem tagaus das, was nur Jugendliche können: rumlungern.
Die Mädchen-Jugendlichen haben die Haare selbst blondiert und Extensions drangepappt. Dazu tragen sie spassige Sonnenbrillen und sonst möglichst wenig. Die Buben-Jugendlichen sind entweder Rap oder Heavy, diese Dualität gilt seit Menschengedenken. Mädchen- und Buben-Jugendliche tun so, als fänden sie einander doof. Je später der Abend, desto besoffener sind oder spielen die Jugendmenschen. Sie rauchen viel und schreien manchmal, um Passanten zu erschrecken.
Ich stehe da so in den Rauchschwaden eines brennenden Aschenbechers, in dieser Übergangszone zur Stadt, zum Rauchen, zum Erwachsensein. Schaue ein wenig zu und finde das alles sehr doof.
Dann lächle ich tolerant. Ich war mal genauso. Einfach in anders.
Sarah Pfäffli
Die Mädchen-Jugendlichen haben die Haare selbst blondiert und Extensions drangepappt. Dazu tragen sie spassige Sonnenbrillen und sonst möglichst wenig. Die Buben-Jugendlichen sind entweder Rap oder Heavy, diese Dualität gilt seit Menschengedenken. Mädchen- und Buben-Jugendliche tun so, als fänden sie einander doof. Je später der Abend, desto besoffener sind oder spielen die Jugendmenschen. Sie rauchen viel und schreien manchmal, um Passanten zu erschrecken.
Ich stehe da so in den Rauchschwaden eines brennenden Aschenbechers, in dieser Übergangszone zur Stadt, zum Rauchen, zum Erwachsensein. Schaue ein wenig zu und finde das alles sehr doof.
Dann lächle ich tolerant. Ich war mal genauso. Einfach in anders.
Sarah Pfäffli
Samstag, 27. März 2010
Bienne: Spitzenplatz
In Biel war Frühling, überall kam Sonne hin. Ich las die Kriminalstatistik des Kantons und sah, dass unser Amtsbezirk bei der Anzahl Straftaten pro 1000 Einwohner an der Spitze liegt.
Mir lief ein alter Bekannter über den Weg, der eine anschauliche Anekdote zu besagter Statistik auf Lager hatte. Er erzählte vom traditionsreichen Antiquitätengeschäft in seinem Wohnhaus, das kürzlich an einen neuen Besitzer aus dem westafrikanischen Raum übergegangen ist. Im Schaufenster des Ladens sei ein Esstisch gestanden, den er gerne für ein Fest ausgeliehen hätte, sagte der Bekannte. Personal habe er im Geschäft aber vergeblich gesucht. Dafür seien im Hinterraum fünf Männer daran gewesen, Hanfblüten in ansehnlicher Menge zu sortieren und abzupacken.
Dass im Antiquitätengeschäft jemand nach Möbeln fragt, habe die Jungs offensichtlich sehr überrascht. Den antiken Tisch aber hat er dann bekommen, gratis gar. Er steht noch heute in seinem Esszimmer.
Fabian Sommer
Mir lief ein alter Bekannter über den Weg, der eine anschauliche Anekdote zu besagter Statistik auf Lager hatte. Er erzählte vom traditionsreichen Antiquitätengeschäft in seinem Wohnhaus, das kürzlich an einen neuen Besitzer aus dem westafrikanischen Raum übergegangen ist. Im Schaufenster des Ladens sei ein Esstisch gestanden, den er gerne für ein Fest ausgeliehen hätte, sagte der Bekannte. Personal habe er im Geschäft aber vergeblich gesucht. Dafür seien im Hinterraum fünf Männer daran gewesen, Hanfblüten in ansehnlicher Menge zu sortieren und abzupacken.
Dass im Antiquitätengeschäft jemand nach Möbeln fragt, habe die Jungs offensichtlich sehr überrascht. Den antiken Tisch aber hat er dann bekommen, gratis gar. Er steht noch heute in seinem Esszimmer.
Fabian Sommer
Samstag, 20. März 2010
Bern: Jööö!
Jööö! Diese Bärli! Noch nie hat in Bern etwas so schnell und reibungslos geklappt: Bärenpark auf, Bärenfrau schwanger, flauschige Bärchen tapsen rum. Hätte es noch besser laufen können? Man stelle sich nur vor, nach vier Jahren Bärlilosigkeit hätte sich Bernd Schildger den Medien stellen müssen, um zerknirscht zu erklären, man versuche es jetzt halt mal mit In-Vitro-Fertilisation. Aber nix da! Alles total super!
Jetzt ist Bern also noch herziger als vorher. Jööö. Dabei sind wir doch eh schon die Jööös der Schweiz. Zumindest in Zürich fühle ich mich als Bernerin manchmal, als wäre ich selbst ein Bärenbaby. Jööö! Berndeutsch ist so schön! Ihr Berner seid so gemütlich! Jööö. Und dann bekommt man in Zürich ständig diese übertriebenen Begrüssungen und Abschiede. Immer gleich umarmen. Wie in Amerika. Ich mag das nicht, so viel Nähe von mir wenig bekannten Menschen. In der Hinsicht bin ich ein wenig unterkühlt.
Vielleicht eher ein Eisbärenbaby.
Sarah Pfäffli
Jetzt ist Bern also noch herziger als vorher. Jööö. Dabei sind wir doch eh schon die Jööös der Schweiz. Zumindest in Zürich fühle ich mich als Bernerin manchmal, als wäre ich selbst ein Bärenbaby. Jööö! Berndeutsch ist so schön! Ihr Berner seid so gemütlich! Jööö. Und dann bekommt man in Zürich ständig diese übertriebenen Begrüssungen und Abschiede. Immer gleich umarmen. Wie in Amerika. Ich mag das nicht, so viel Nähe von mir wenig bekannten Menschen. In der Hinsicht bin ich ein wenig unterkühlt.
Vielleicht eher ein Eisbärenbaby.
Sarah Pfäffli
Samstag, 13. März 2010
Bienne: Joghurt im Zug
In Biel war Endstation. Alle aussteigen.
Bei der Baustelle am Bahnhof traf ich eine alte Bekannte. Sie kam offensichtlich gerade aus dem Zug. Diese verdammte Joghurtesserei im Abteil, fluchte sie. Dann legte sie los.
Kein anderes Nahrungsmittel sei so ungeeignet, in der Öffentlichkeit zu sich genommen zu werden, wie ein Joghurt, sagte die Frau, eine studierte Psychologin übrigens.
Dieses Löffeli-aus-dem-Knistersäckli-Nehmen! Dieses frivole Deckelablecken! Dieser stiere Blick in den Becher! Diese hektischen und nicht enden wollenden Löffeli-zu-Mund-Bewegungen! Diese schleimigen Blasen im Mund! Und nicht zu unterschätzen: die Becherexplosionsgefahr bei Wärme! Joghurtessen sei einfach zu intim für ein Zugabteil.
Sie fordere jetzt Massnahmen von der SBB, meinte die Bekannte. Ein joghurtfreier Waggon pro Zug müsse doch drinliegen.
Fabian Sommer
Bei der Baustelle am Bahnhof traf ich eine alte Bekannte. Sie kam offensichtlich gerade aus dem Zug. Diese verdammte Joghurtesserei im Abteil, fluchte sie. Dann legte sie los.
Kein anderes Nahrungsmittel sei so ungeeignet, in der Öffentlichkeit zu sich genommen zu werden, wie ein Joghurt, sagte die Frau, eine studierte Psychologin übrigens.
Dieses Löffeli-aus-dem-Knistersäckli-Nehmen! Dieses frivole Deckelablecken! Dieser stiere Blick in den Becher! Diese hektischen und nicht enden wollenden Löffeli-zu-Mund-Bewegungen! Diese schleimigen Blasen im Mund! Und nicht zu unterschätzen: die Becherexplosionsgefahr bei Wärme! Joghurtessen sei einfach zu intim für ein Zugabteil.
Sie fordere jetzt Massnahmen von der SBB, meinte die Bekannte. Ein joghurtfreier Waggon pro Zug müsse doch drinliegen.
Fabian Sommer
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