Samstag, 31. August 2013

Burn: Mein neuer Unort

Für manche Menschen ist es die Höchststrafe, am Samstag um 18 Uhr in der Migros oben im Bahnhof einzukaufen. Dann, wenn halb Bern plötzlich einfällt: Huch! Wir haben ja noch nichts eingekauft! Was machen wir am Sonntag nur! Wir werden verhungern!

Mir machen die Menschenmassen dort nichts aus. Entspannt schlängle ich mich durch die Regale, überhole streitende Paare, tobende Kinder, bekiffte Teenager, hole mein Farmer- Pecannuss-Müesli und steuere stracks an die Selbstbedienungskasse. No Problemo. Der Laden ist eng, aber freundlich. 

Ganz anders der Coop im Bahnhof. Das ist für mich der neue Berner Unort. Dabei bin ich ein Coop-Kind, ich mag Marken, Wein, spezielles Gemüse, da ist man bei Coop besser bedient. Doch die niedrige Decke, das kalte Licht, das Kassenanweiser-Sicherheitspersonal, das Sortiment (ich zählte gut zwei Dutzend Gemüsesorten, aber mehr als 100 Alkoholarten, noch ohne Wein!): ein trauriger Laden. Vermutlich perfekt für das Bahnhofvorplatzpersonal. Ich hingegen werde am Bahnhof zum Migros-Kind. 

Sarah Pfäffli

Samstag, 24. August 2013

Bienne: Hunde aller Art

In Biel war Montagnachmittag, und am Montagnachmittag haben Bewohner und Besucher unserer Stadt jeweils die Chance, einem Schauspiel beizuwohnen: Suchtmittel konsumierende Frauen und Männer aus der Region bekommen laut Behörde die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen, Ressourcen zu aktivieren und einen legalen Verdienst zu erzielen. Man könnte auch sagen: Junkies putzen für 8 Franken Stundenlohn die Strassen. Das ist auf jeden Fall ein sinnvolles und lobenswertes Projekt, vor allem aber ist es unterhaltsam. Am letzten Montagnachmittag etwa waren drei arme Tröpfe unterwegs; nennen wir sie Fredy, Fridu, Fränzu. Sie schoben in über die zerfetzten Kleider gewürgten orangen Gwändli Besen, Schaufel und Abfallsackwägeli vor sich hin, ein Hund trottete mit. 

Nach einiger Zeit stillen Wischens fragte Fredy: «Sag mal, Fridu, beisst dein Hund?» Fridu antwortete: «Sicher nicht!» Fredy ging auf den Hund zu, wollte ihn streicheln. Der Hund aber schnappte zu, voll in Fredys Finger. Fredy schrie auf und schimpfte: «He, Fridu, du hast gesagt, dein Hund beisse nicht!» Fridu sah Fredy lange an, dann sagte er: «Hab ich gesagt, das sei mein Hund? Der gehört Fränzu!» 

Fabian Sommer

Samstag, 17. August 2013

Burn: I like Young Boys

Olé, olé! Bern ist euphorisch, und Schönwetterfans wie ich kriechen aus ihren Löchern. YB hat bisher alle Spiele der Saison gewonnen! Ausserdem, und das ist natürlich noch viel wichtiger, ist der Trainer der Young Boys die Sexbombe der Liga! «Schweizer Frauen wollen mit Uli Forte ins Bett!» So stand es im «Blick», und dann muss es stimmen. Ich kenne zwar keine dieser Frauen, mais bon. Einige Tage zuvor hatte die Zeitung Forte bereits angeboten, ihm eine Freundin zu suchen. Er lehnte dankend ab. Dieser Mann ist quasi mit dem Fussball verheiratet. 

Klar, sind auch die Männer beeindruckt. Es gibt jetzt T-Shirts mit dem Aufdruck «Fear the Beard», die Uli Fortes vorzüglichen Bartwuchs thematisieren. Die YB-Verantwortlichen versuchen unterdessen mit ihren abgegriffensten Floskeln, die Erwartungen zu dämpfen. Wir müssen jetzt auf dem Boden bleiben! Einfach von Spiel zu Spiel schauen! Die Saison ist noch lang! 

Dabei wäre die rhetorische Prävention gar nicht nötig. Die Berner werden schon nicht abheben, sie sind Rückschläge gewohnt. Als YB-Fan muss man quasi permanent untendurch. Wie der Bekannte, der in die USA reiste und am Zoll in typisch amerikanischem Small Talk nach seinem Lieblingssportteam gefragt wurde. 

«I like Young Boys», sagte er etwas unbeholfen. 

Der Zollbeamte war plötzlich nicht mehr so freundlich. 

Sarah Pfäffli

Samstag, 10. August 2013

Bienne: An der Tanke

In Biel war Glutofenhitze. Mir gefiel das ausgesprochen gut. Es gibt ja wenig auf der Welt, das derart nervt wie jene Leute, die im Sommer über die ach so heisse Sonne jammern und über Weihnachten dann auf die Malediven fliegen, weil es bei uns ach so kalt ist. Zut alors, ihr Jammerer, freut euch doch einfach mal über diese schön schweisstreibenden Sommertage! 

Ich habe einen alten Bekannten, der ist auch so ein Gränni. Temperaturen über 22 Grad lösen bei ihm Brechreiz aus, zwischen Mai und September bleibt er zu Hause und lässt die Storen unten.
Absurderweise aber war es just jener Bekannte, der mich mit einer Idee zur Gestaltung eines freien Donnerstagabends Anfang August überzeugte, ja begeisterte: Wir fuhren nach La Chaux-de-Fonds, um uns das erste Freundschaftsspiel des EHC Biel vor Ort anzuschauen. Es gebe nichts Angenehmeres, als im August in Flip-Flops und kurzen Hosen in einem Eisstadion zu sitzen und sich eine echte Wintersportart zu Gemüte zu führen, meinte der alte Bekannte schon vor der lauschigen Fahrt durch den Neuenburger Jura. Er sollte recht behalten, auch wenn es über das Spiel wenig bis nichts Erwähnenswertes zu berichten gibt. 

Allein die Reise nach La Chaux-de-Fonds aber rechtfertigte den Plan vollends: Auf halbem Weg meldete das Auto des Bekannten, dass es Benzin brauche. Diesem Wunsch kamen wir an der nächsten Tankstelle nach. Als wir danach im Shop bezahlten, bestellte der Bekannte bei der Verkäuferin eine Schachtel Zigaretten.
Die junge Frau schaute ihn lange an, dann fragte sie: «Sind Sie denn schon 18 Jahre alt?» Der alte Bekannte, übrigens kürzlich 34 geworden, überlegte kurz. Dann sagte er: «Nein, wie kommen Sie darauf? Ich habe soeben mein Fahrrad für 93.75 Franken vollgetankt.» 

Fabian Sommer

Samstag, 3. August 2013

Burn: Das Eine

In Bern geht es im Ausgang eigentlich immer nur um das Eine. Das merkt man besonders im Sommer. An jedem Gratisquartierfest. Zum Beispiel am Jurastrasse- oder am Velokurierfest in der Lorraine, in der es sich ausgiebig feiern lässt, ohne dass eine Frau Müller die Polizei anruft. Da machen es eigentlich alle, stundenlang, wir Berner lieben es. Oder in der Länggasse, wo in den letzten Jahren so viele neue Lokale aufgetaucht sind, dass das Quartier richtig hauptstädtisch geworden ist. Meistens tun es die Leute gleich vor den Beizen. Auf offener Strasse. 

Viel brauchen die Berner dazu nicht. Nicht einmal Musik. Die ist ohnehin Nebensache, selbst wenn sich auf einer Bühne eine Band redlich bemüht. Wichtiger als jeglicher künstlerischer Wert ist in Bern, dass ein Anlass gratis ist. Aber selbst am Gurtenfestival, das stolze Ticketpreise verlangt, musikalisch kaum mehr relevant ist und dann doch immer neue Besucherrekorde vermeldet, wollen alle eigentlich bloss etwas. Das gilt sogar für die Leute auf dem Reitschule-Vorplatz, zumindest für die friedlichen 90 Prozent. 

Im Ausgang geht es den Bernern nur um das Eine. Chly umestah. Und dabei chly schnurre. U chly suufe. 

Sarah Pfäffli

Samstag, 27. Juli 2013

Bienne: Familien-Sommer

In Biel war genau 10.30 Uhr. Normalerweise tummeln sich um diese Zeit in den grossen Einkaufszentren der Stadt ja vor allem zum Nichtstun Gezwungene aller Art: Rentner, Arbeitslose, Asylbewerber.
Während der grossen Ferien im Juli und August ist das anders, wie ich beim Besorgen von Grillgut für den Abend feststellen konnte: Daheim gebliebene Familien nutzen die Extrazeit, um gemeinsam einzukaufen. Wahrscheinlich, damit sie spätestens um 13 Uhr im Strampi sind. So übrigens nennen wir, liebe Nicht-Bieler, unser schönes Strandbad. 

Ich legte also die Kohle ins Körbchen und die Würste und das Bier. Und malte mir schon aus, wie es einmal sein wird, wenn ich Kinder habe und Sommerferien. 

Beim Regal mit dem Spielzeug durfte ich dann den intensiven Verhandlungen eines Vaters mit seinem etwa 5-jährigen Sohn beiwohnen. Der Sohn flehte: «Darf ich das haben, bittebittebitte?» «Nein», sagte der Vater. Der Sohn schlug vor, dass er die Hälfte des Kaufpreises von seinem Sackgeld beisteuern könnte. «Ich zahle aber die andere Hälfte nicht», sagte der Vater triumphierend. Der Sohn überlegte einen Moment. Dann meinte er: «Dann mache ich es kaputt, und du musst es bezahlen.» 

Fabian Sommer

Samstag, 20. Juli 2013

Burn: Z Bärg

Die Bernerinnen und Berner nehmen ihre Hüte aus den Schränken, blasen den Staub weg, schmieren sich mit Sonnencreme ein, vergessen einen Hautflecken auf der Schulter, der dann später rot leuchten wird. Sie drapieren ihre Kleider rund um ihre Tattoos, sodass die Schriftzüge auf den Unterarmen sowie die Sterne, Blumen, Schmetterlinge im Nacken zur Geltung kommen. Sie ziehen Dreiviertelhosen an, schlüpfen in die Flipflops, riechen noch einmal an den Achselhöhlen, legen etwas Deo nach. Sie schminken sich dezent, decken die Augenringe ab. Sie zöpfeln ihre Haare oder verwuscheln sie mit diesem teuren Wachs vom Coiffeur. Sie packen Geld und Smartphone und Stimorol und Billett in die Seitentaschen der Cargo-Hosen oder in die kleine braune Umhängetasche. Dann packen sie das Smartphone wieder aus und hängen es noch einmal ans Ladekabel, 89 Prozent reichen nicht einmal, bis es dunkel ist, bei all diesen Bühnenfotos aus der Ferne und den vielen komplizierten Whatsapp-Nachrichten «Wo bisch?» – «Links ar länge Bar!» – «Vo unde us gseh oder vo obe?» Sie binden sich eine Regenjacke um die Hüfte, zur Sicherheit. Sie nehmen die Schlüssel fürs Büro vom Schlüsselbund und legen sie auf die Ablage im Gang. Dort liegen sie bis Montag. 

Die Bernerinnen und Berner sind am Gurtenfestival. 

Sarah Pfäffli

Samstag, 13. Juli 2013

Burn: Endlich Ruhe

In Biel war endlich Ruhe. Zum vorläufigen Abschluss des wahrscheinlich festreichsten Seeländer Sommers aller Zeiten beehrten Stars wie Steff la Cheffe oder Schwein & Hund den Pod’Ring, diese wunderbare Kulturwoche in der Altstadt. Er könne sich wirklich nicht erinnern, à Bienne jemals so viele Partys gefeiert zu haben wie 2013, meinte ein alter Bekannter, den ich zufällig beim Coiffeur traf. Turnfest, Braderie, Lauftage, Stedtlifescht und Pod’Ring seien verantwortlich dafür, dass er in den letzten 51 Tagen 28-mal betrunken nach Hause gekommen ist. 

Er sei froh, brummte der Bekannte, dass er nun Zeit habe für die erholsamen Dinge im Leben wie zum Beispiel arbeiten, Pétanque spielen oder eben zum Coiffeur gehen. Dummes Zeug erzählt und gehört habe er für diesen Sommer nun wirklich mehr als genug. Wir gaben uns also zeitgleich Kopfmassage und Nachmittagsberieselungsmusik hin. 

Dann nahm ein älterer Herr auf dem einzigen verbliebenen Coiffeurstuhl neben uns Platz. Die Coiffeuse wollte, ganz Coiffeuse, Smalltalk machen. Sie fragte ihn, wo er denn arbeite. Der Mann reagierte entsetzt. «Also bitte, ich frage Sie doch auch nicht, was Sie beruflich machen.» 

Fabian Sommer

Samstag, 6. Juli 2013

Burn: Stadtvögel

Jede Stadt hat ihr ganz eigenes Personal. Es sind ein paar Leute, eine Handvoll vielleicht, denen begegnet man immer wieder. Schnell einkaufen gehen, und schon trifft man vier bekannte Gesichter – von denen man zwar nichts weiss, mit denen man nie gesprochen hat und die man, ganz ehrlich, auch gar nicht unbedingt kennen möchte; die aber irgendwie zum Inventar gehören. «Heute war der ‹Sürpräis›-Verkäufer vor der Migros», erzählen wir uns dann. Oder dass jemand die Flötenspielerin am Bahnhof gesehen hat und ob man ihr etwas Geld gegeben hat oder nicht. Manchen unserer lieben Namenlosen haben wir eigene Namen gegeben – fast so, als wären es alte Bekannte. Der Turner, der stets forschen Schrittes und mit kurzen Hosen in der Stadt herummarschiert. Den Skaterboy trifft man beinahe jede Woche, ein mittelalterlicher Mann, der sich auffallend jugendlich kleidet. Oder die Drögeler-Frau, die aussieht, als wäre sie erst 16. Schwäbi, den Mann im grossen weissen T-Shirt, der so eigenwillig tanzt, habe ich allerdings schon lange nicht mehr gesehen. So geht es manchmal: Ganz allmählich verschwindet jemand aus dem Blickfeld, und man nimmt es anfangs gar nicht wahr. Bis man irgendwann merkt: Es fehlt etwas im Stadtbild.

Sarah Pfäffli

Samstag, 29. Juni 2013

Bienne: Ego-City

In Biel war der Alltag eingekehrt. Das Eidgenössische Turnfest war zu Ende gegangen, Zehntausende Trainerjäckchenträger waren auf einen Schlag weg. 

Was bleibt, sind die Erinnerungen. Zuerst einmal jene an den schönen Wahnsinn in der Stadt, an die fantastische und immer friedliche Stimmung an der Riviera, an die vielen glücklichen Gesichter. An Turner, die morgens um 7 Uhr nach einer durchfeierten Nacht nackt im Bielersee planschten. Dann bleiben die traurigen Erinnerungen. Unglaubliche zweimal in zehn Tagen zerstörten Stürme alles, was nicht niet- und nagelfest war, es gab fast hundert Verletzte. Im Stadtpark traf ich einen alten Bekannten. Das Absurdeste an der Sache sei doch, meinte er, dass die Natur genau dann und genau über uns ihre hässlichste Fratze zeigt, wenn Biel so viele Besucher zu Gast hat wie selten in der Geschichte. Offenbar, sagte er nachdenklich, will irgendjemand Übergeordnetes sagen: Hier ist Ego-City! Die Schönheit Biels gehört nur den Bielern! 

Seit gestern übrigens ist bei uns Braderie, das grösste Sommerfest im Seeland. Von weit her reist dafür kaum jemand an. Sturm, Hagel und Gewitter sind auszuschliessen. 

Fabian Sommer

Samstag, 22. Juni 2013

Burn: Applauso!

In Bern haben es Velofahrer schwer. Hier hat es Einbahnstrassen an den unpraktischsten Orten. Busse, die so nah wie möglich auffahren und überholen. Automobilisten, die einen fast überfahren, weil sie plötzlich rechts abbiegen. Kopfsteinpflaster. Ampeln mit viel zu kurzen Grünphasen, wie jene am Bollwerk Richtung Bahnhof, wo ich schon mehrmals knapp nicht zu Tode kam. 

Ich fahre viel in Zürich Velo, aber Bern ist schlimmer. Besonders die alten Leute, die einem Schlämperlige hinterherrufen. In Zürich hat mich noch nie jemand angemotzt. In Bern sind die Hobbypolizisten nie weit. Kurz aufs Trottoir ausgewichen: schon ein Zusammenschiss. Wie geht das wohl den Velokurieren? Bei Rot über die Kreuzung fahren ist ja quasi deren Job. 

Dieses Wochenende sind Europameisterschaften. Auf dem Bundesplatz und am Gurten messen sich die Mountainbiker. Das ist ein Event, wie er sich gehört, mit einem Stadtpräsidenten, der eine glatte Rede hält, und einem deutschen Speaker, der bei italienischen Fahrern «Applauso!» kalauert. In der Lorraine halten gleichzeitig die Velokuriere ihre EM ab. Das ist ein Fest, wie es sich gehört, mit Musik und Bier. 

Die Hobbypolizisten sollten ihr dickstes Nervenkostüm anziehen. Dieses Wochenende gehört die Stadt den Velölen. Ausnahmsweise. Applauso! 

Sarah Pfäffli

Samstag, 15. Juni 2013

Bienne: Raclette mit alles

In Biel war der Supersommer voll im Gange. Definitiv nicht des Wetters wegen, wie ein alter Bekannter bemerkte. Sondern, weil seit der Expo.02 in unserer kleinen Stadt nie so viel los war.
Etwa 60 000 Turner, 120 000 Zuschauer und 8000 Helfer besuchen Bienne seit vorgestern und bis Ende nächster Woche. Wir organisieren den grössten Sportanlass des Landes, das Eidgenössische Turnfest. Und, logisch: Die anderen regulären, legendären Bieler Sausen wie Braderie oder 100-Kilometer-Lauf finden natürlich genauso statt. 

Bis jetzt, sagte der Bekannte bei einem Kaffee am See, bereite ihm der Supersommer trotz des krassen Sturms vom Donnerstag viel Freude. Es seien allerdings weniger die Sportanlässe, Konzerte oder Partys, die ihm in Erinnerung blieben, sondern mehr die diversen lustigen Leute an den diversen lustigen Ständen. Bei einem Kebabverkäufer zum Beispiel sei gestern vor ihm ein junger Mann mit Goldkette an der Reihe gewesen. Der Mann: «Ein Döner Kebab mit alles.» Der Verkäufer: «Es heisst, mit allem, junger Mann.» Der Mann: «Gib schon Kebab mit alles.» Der Verkäufer: «Ich gebe dir deinen Döner Kebab erst, wenn du es richtig sagst.» Daraufhin sei der Goldkettenträger wortlos in Richtung Raclettezelt verschwunden. 

Fabian Sommer

Samstag, 8. Juni 2013

Burn: Pech an der Kasse

Manche Menschen wählen sich mit hoher Zuverlässigkeit an der Ladenkasse immer jene Schlange aus, bei der es am längsten dauert. Ich gehöre selbstverständlich dazu und auch zu jenen Leuten, die dann gern ungeduldig an eine andere Kasse wechseln, was natürlich eine sehr blöde Idee ist, weil ausgerechnet dann die Kassiererin noch schnell die Papierrolle wechseln muss. Oder von einem Kollegen abgelöst wird. Oder dann hat der Kunde ganz vorne vergessen, die Bananen zu wiegen, und jetzt muss er in die Fruchtabteilung rennen und den Aufkleber drucken. Den klebt er aber so unglücklich auf die Bananen, dass der Strichcode nicht mehr lesbar ist und die Kassiererin deshalb die darunterstehende Zahlenreihe entziffern und eintippen muss. Die nächste Kundin telefoniert und hat deshalb Mühe, ihr Geld aus dem Portemonnaie zu klauben, sie muss erst das iPhone zwischen Schulter und Kopf einklemmen. «Nehmen Sie die Märkli?» – «Wie? Sorry, ich bin grad am Telefon.» Aber meine Lieblinge an der Kasse sind die, die kein einziges Produkt aufs Band legen können, bevor ihre Einkäufe nicht sauber von jenen ihres Vordermanns abgetrennt sind. Sie warten ganz ungeduldig, bis dieser endlich den Warentrennstab platziert. Wer weiss, was ohne den alles passieren könnte.

Sarah Pfäffli

Samstag, 1. Juni 2013

Bienne: Bizarre Angst

In Biel war die Verwirrung allmählich gross. Auf sämtlichen Kalendern, die man in die Hände bekam, stand irgendetwas von Ende Mai oder Anfang Juni. An manchen Verkaufsstellen gab es Glace, und die Sommerfeste in und um unsere wunderbare Stadt standen vor der Tür. Irgendwas aber stimmte gar nicht. Die Leute trugen Wollmützen und Daunenjacken und tranken statt Feierabendbier am See erhitzten Feierabendschnaps in winterfesten Wirtshäusern. Irgendjemand drängte Petrus auf Twitter zum Rücktritt. Irgendjemand anders verkündete auf Facebook, er werde morgen Frau Holle vermöbeln. 

Am Bahnhof traf ich einen alten Bekannten. Er stieg von seinem Roller und musste die Handschuhe ausziehen, ehe er mich begrüssen konnte. Diese Scheissdiskussionen über das Scheisswetter würden ihm viel mehr auf den Sack gehen als das Scheisswetter an sich, fluchte er dann. Er habe vor vier Wochen beschlossen, einfach alles kommentarlos zu akzeptieren, was vom Himmel her kommt

Nur frühmorgens beim Radioeinschalten ergreife ihn jeweils eine bizarre Angst, gab er zu. Er befürchte jedes Mal, dass der nächste Song «Last Christmas» sein werde.

Fabian Sommer

Samstag, 25. Mai 2013

Burn: Das wars

Immer um diese Jahreszeit werde ich ein bisschen nostalgisch. Ich schaue in den Regen hinaus und denke mit einem Schaudern, das nicht nur von der Kälte kommt: Schön wars. Ich denke zurück, wie wir tagelang nur Röckli und Sandalen respektive T-Shirts getragen haben, die Jacken hingen kalt im Schrank. Die Badehose wurde gar nie richtig trocken, weil wir sie so oft brauchten, der Grill kühlte kaum ab. Die Fruchtfliegen zogen auf, verschmähten die clevere Essigfalle und setzten sich stattdessen auf die matschigen Thurgauer Erdbeeren, die wir zu essen vergassen, weil wir immer draussen waren. Auf dem Velo. Oder am Krebsenbach. Oder an einem Fest.

Wir assen das, was die Schnecken im neuen Garten unserer Freunde übrig gelassen hatten, ein paar Zucchetti, ein paar Rüebli, man musste nur ein bisschen die Frassstellen wegschneiden, dann gings. Zum Arbeiten stellten wir Ventilatoren auf den Schreibtisch. Wir legten ein wenig Speck an – all das Bier und die Pommes frites, Chips, Bratwürste, Glacen. Wir hatten Mückenstiche und Sonnenbrände und Blasen an den Füssen vom heissen Asphalt und schwitzten den ganzen Tag und konnten in der Nacht nie einschlafen, es war nicht immer angenehm.

Aber trotzdem schade. Schade, ist jetzt schon Oktober.

Sarah Pfäffli

Samstag, 18. Mai 2013

Bienne: Luchs und Lachs

In Biel war Lachs aus Alaska zum Aktionspreis zu haben. Ich kaufte 750 Gramm und überass mich.

Am Nachmittag traf ich einen alten Bekannten zum Verdauungsschnäpschen in einem Café, dem wir schon so lange die Treue halten, wie wir eben Schnäpschen trinken dürfen. Treue war unser Stichwort. Nebst den Menschen und Hockeyclubs, die man liebt, gebe es im Leben ja auch andere Dinge, denen man treu sein müsse, und zwar bedingungslos und auf ewig, dozierte der Bekannte. Der Bieler Tierpark sei zum Beispiel so ein Ding. Viele Nichtbieler, polterte er, wüssten gar nicht, «dass wir überhaupt einen Zoo haben». Dabei sei der Park herrlich, am Fusse des Bözingenbergs gelegen. Freier Eintritt, tolle, normale Tiere, nix Tiger oder Bären. Luchse, Wildschweine, Hirsche, solches Zeug. Und auf der Website könne man nachlesen, wann der Luchs beim Zahnarzt war.

Luchs in Biel und Lachs aus Alaska muss man in der Tat auf ewig treu sein, dachte ich.

Fabian Sommer

Samstag, 11. Mai 2013

Burn: Bern hat ein Problem

Ich bin gerade sehr weit weg von Bern, und manchmal sieht man erst aus der Ferne gut. Wie schön es zum Beispiel ist, dass wir Schweizer unseren (Gift-)Müll selten ins erstbeste Loch/Flussbett/Gebüsch schmeissen. Dass die Arbeitslosenquote bescheiden einstellig ist. Dass wir seit sehr langer Zeit keinen Krieg hatten. Schöne Grüsse vom Balkan!

Aber dann lese ich hier im Internet die Nachrichten von zu Hause und bin besorgt. Auch in Bern gibt es nämlich ein Problem. Immerhin ist es erkannt: «Es herrscht ein breiter Konsens, dass Handlungsbedarf besteht», heisst es. «Wir prüfen zurzeit verschiedene Massnahmen», sagt das zuständige Amt. Bereits sind «Abklärungen» im Gang und «verschiedene Aktionen geplant». Gott sei Dank. Vorerst wird eine «Sensibilisierungskampagne» ausgearbeitet. Sogar «ein Sicherheitsdienst» ist angesichts der Lage eine Option. Aber genau weiss man es noch nicht. Denn: «Über das definitive Massnahmenpaket wird der Gemeinderat befinden.» (Vielleicht bräuchte es eine Arbeitsgruppe, die eine umfassende Lagebeurteilung vornimmt und einen Lösungsvorschlag evaluiert?)

Hach. Wie schön es ist, in einem Land zu leben, in dem solche Gefahren ernst genommen werden! Gefahren wie die Schwimmer, die an Sommertagen vom Schönausteg in die Aare springen.

Sarah Pfäffli

Samstag, 4. Mai 2013

Bienne: Heimspiel

In Biel war Heimspiel, wobei das in unserem Fall ein sehr relativer Begriff ist. Seit Beginn dieser Saison muss der lokale Fussballclub, der einzig wahre FCB der Welt, seine Heimpartien der zweithöchsten Schweizer Spielklasse ja in Neuenburg austragen. Weil die Ligaführung entschieden hat, dass das schöne alte Stadion Gurzelen (Baujahr 1913) nicht sicher genug ist.

Ihr müsst euch das einmal vorstellen, liebe Nichtbieler: Unsere Heimspiele finden in einem anderen Kanton statt! 30 Kilometer von Biel entfernt! Absurd ist das. Etwa so, wie wenn die Berner Young Boys in Freiburg antreten müssten, wenn sie «zu Hause» spielen dürfen.

Am Tag nach dem Spiel traf ich einen alten Bekannten. Er hatte die Zahlen zum Desaster im Kopf: 230 Zuschauer hatten sich an den Match verirrt. Durchschnittlich waren bis jetzt 585 Nasen dabei, wenn der FCB ein Heimspiel austrug. Das seien genau halb so viele wie letzte Saison in Biel, brummte er. Dann aber verkündete er grosse News: Weil der Bau der neuen Bieler Stadien begonnen hat, schätzt der Verband das Risiko, auf der Gurzelen zu spielen, vorübergehend wieder als vertretbar ein. 2013/2014 spielen wir wieder im schönen alten Stadion!

Damit, meinte der Bekannte, bleibe uns auch der Super-GAU erspart. Wir müssen garantiert nie ein Heimspiel in Bern austragen.

Fabian Sommer

Samstag, 27. April 2013

Burn: Labil statt mobil

Wer in der Stadt wohnt und arbeitet, braucht kein Auto. Das war sehr lange meine Überzeugung. Aber wie es mit vielen hehren Prinzipien geht, werden sie mit der Zeit von praktischen Gedanken überholt. Inzwischen fände ich ein Auto super. Man könnte damit Ausflüge in Landbeizen machen und Roadtrips nach Italien, Gepäck hinten rein, Glacepapierchen auf den Boden, Mitsingen zur Musik. Im Zug undenkbar. Das Auto ist das fahrende autonome Kulturzentrum für jedermann. Ein bisschen Freiheit für Bünzlis.

Wenn es nur nicht so viel Pflege bedürfte! Das Auto ist wie ein Hund. Es braucht einen Platz und will gehegt werden, ist oft gefährlich, produziert viel Dreck, kostet unendlich und hat immer irgendwas.

«Mobility ist die Lösung!», höre ich jetzt. Blublabli. Da kann man gleich den Zug nehmen, so umständlich ist es. Zu diesem Verein möchte ich nicht gehören. Im Breitenrain kommen die Leute mit dem Velo zum Mobility-Parkplatz, fahren in die Ikea, kehren zurück und laden dann die vollen Ikea-Taschen aufs Velo, statt das Zeugs zuerst heimzufahren. Alles schon beobachtet. Zudem wird man im Mobility-Auto ständig als schlechter Fahrer beschimpft. Nein. Ich will kein Mitglied bei Mobility sein.

Ich bin eher der Typ Lability. Eigentlich will ich auch gar kein Auto, sondern Freunde mit Auto.

Sarah Pfäffli

Samstag, 20. April 2013

Bienne: Die Poetin

In Biel war Aufbruchstimmung. Und die war nicht wie üblicherweise bei uns nur spür-, sondern des ersten richtigen Frühlingstages wegen für einmal auch für alle sichtbar: Etwa drei Viertel der derzeit in der Stadt gemeldeten 37 758 Schweizer und 16 027 Ausländer bildeten eine sonntägliche Karawane Richtung Seeufer. Etwa 222 Tage lang hatte in Biel die Sonne nie mehr länger als 22 Minuten am Stück geschienen, es war zum Durchdrehen, Delirieren, Davonlaufen. Die Erlösung hätte keinen Tag später kommen dürfen, bemerkte eine alte Bekannte treffend, die auf Rollschuhen und mit Stängelglace und Kinderwagen Richtung See unterwegs war. Gemeinsam schauten wir dem Menschenzug einen Moment lang schweigend zu. Vor unserem inneren Auge sahen wir Bilder von Menschen, die vor Freude Transparente hochhalten, Lieder singen, Parolen skandieren, eine echt geile Demo veranstalten. Für die Sonne, für den Frühling, für das Leben bei Aussentemperaturen über 18 Grad. Dann riss uns eine junge Poetin mit ihrer jungen bieldeutschen Frühlingspoesie aus den Gedanken. Die 8-jährige Tochter der alten Bekannten rannte auf uns zu, streckte uns den Po entgegen und furzte mehrmals laut in unsere Richtung. Dann lachte sie und rief stolz: «Vier Fürz nachenang – usem Buuch der Rekorde!»

Fabian Sommer