In Biel war ein gemütliches Fondueessen glimpflich zu Ende gegangen. Auf dem Heimweg im Auto musste ich verflucht scharf bremsen. Zum Glück war ich noch hellwach, als beim Fussballstadion Gurzelen zwei Menschen in Fussballschuhen aus der Nacht auf dem Fussgängerstreifen auftauchten. Es waren tatsächlich Spieler des FC Biel.
Ich erschrak sehr, die beiden Cracks des besten FCB der Welt auch. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle in aller Form entschuldigen: Ich , liebe FC-Biel-Stars L. S. und P. D., wollte euch wirklich keine Angst einjagen mit den quietschenden Bremsen. Ich bin ein grosser Fan von euch.
Die nächsten Tage fuhr ich dann Bus, und ich bereute es nicht. Nirgendwo, so lehrt die Erfahrung, erlebt man Schöneres als in der weiten Welt des öffentlichen Verkehrs.
Nur einen Tag nach dem Fast-Crash mit den FCB-Cracks sass ich im Bus vis-à-vis einem Mädchen mit einer kleinen weissen Maus in einer Kartonschachtel und einem alten, griesgrämigen Opa. Das Mädchen zeigte dem Mann das Tier und fragte, ob es nicht herzig sei. Der Opi rang seinem faltigen Gesicht ein Lächeln ab und sagte: «Vraiment chou, cette souris.» Das Mädchen lächelte zurück. Dann sagte es: «Verfütter ich jetzt gleich meiner Schlange.»
Fabian Sommer
Samstag, 28. Januar 2012
Samstag, 21. Januar 2012
Burn: Armer Möndu
Der Berner Dialekt ist ein schöner, und er bietet immer wieder Anlass zu hübschen Missverständnissen, weil einfach viele Wörter so ähnlich klingen, mit all den Us und Ös und Üs. Nicht so weich wie der Solothurner mit seinen vielen überflüssigen Es: «I bi ds Soledurn id Reggrudeschueu gange», oder der Bieler mit seinen vielen Os, jooo. Kürzlich hörte ich eine Geschichte, die einer Bielerin wohl nie passieren würde: Es war an einem Geburtstagsfest «im Welschen», als die ganze Gesellschaft «Joyeux anniversaire» sang. Eine Bernerin unter den Gästen sang fröhlich mit. Erst am Ende fragte sie diskret ihren Begleiter, was das eigentlich heisse. Dieses «Schweinesahni».
Aber eben, Missverständnisse gibts nicht nur über die Sprachgrenzen hinweg, gerade im Berndeutschen sind sie verbreitet, und mein Lieblingsverhörer ist ein tragikomischer: Pfaditaufe, vor vielen Jahren, man rudert auf einen See, der Getaufte muss seinen Namen in alle vier Himmelsrichtungen schreien. Einer der Jungen sträubt sich hartnäckig, erst nach viel Widerstand heult er seinen eben erhaltenen Pfadinamen in die Nacht, er hat Tränen in den Augen, seine Stimme zittert.
«Mööönnnguuu! Mööönnnguuu!» Bis ihn die anderen Pfader stoppen. Er heisse im Fall nicht Möngu. Sondern Möndu.
Sarah Pfäffli
Aber eben, Missverständnisse gibts nicht nur über die Sprachgrenzen hinweg, gerade im Berndeutschen sind sie verbreitet, und mein Lieblingsverhörer ist ein tragikomischer: Pfaditaufe, vor vielen Jahren, man rudert auf einen See, der Getaufte muss seinen Namen in alle vier Himmelsrichtungen schreien. Einer der Jungen sträubt sich hartnäckig, erst nach viel Widerstand heult er seinen eben erhaltenen Pfadinamen in die Nacht, er hat Tränen in den Augen, seine Stimme zittert.
«Mööönnnguuu! Mööönnnguuu!» Bis ihn die anderen Pfader stoppen. Er heisse im Fall nicht Möngu. Sondern Möndu.
Sarah Pfäffli
Samstag, 14. Januar 2012
Bienne: Wenn man es kennt
In Biel war Frühfrühlingswetter, 8 Grad, blauer Himmel, weit und breit weder Nebel noch Niederschlag. In der Zeitung sah ich ein Bild aus Klosters. «Schaiss Schnee», hatte dort jemand in den Schnee geschrieben. Ich war froh, nicht in Klosters zu sein.
Am Abend war in einem Bieler Pub eine kleine Party. Auch er sei glücklich, in Biel zu sein, meinte ein alter Bekannter, der an diesem Anlass als DJ wirkte. Die Leute tanzten ein bisschen. Er schrie ins Mikrofon: «Biel ist halt schon eine geile Stadt. Wenn man es kennt und von hier ist.» Dieser Satz stimmte mich nachdenklich. Biel ist also nur geil, wenn man es kennt?
Ich überlegte kurz und kam zum Schluss, dass der DJ so unrecht wohl nicht hat. Wir haben ja kein Münster und keinen Bärenpark. Es sind die versteckten, kleinen Dinge, die unsere Stadt aus- oder eben geil machen.
Kürzlich zum Beispiel sah ich das oberflächlich betrachtet eher unschöne Bild eines mutmasslich Obdachlosen, der in einem Mülleimer im Stadtzentrum herumwühlte. Als ein Geschäftsmann im Anzug vorbeikam und seine Sandwichverpackung in besagten Mülleimer warf, wurde er vom mutmasslich Obdachlosen angeschnauzt, es war wunderschön. Der Clochard sagte: «Was soll das? Ich störe Sie auch nicht bei der Arbeit!»
Fabian Sommer
Am Abend war in einem Bieler Pub eine kleine Party. Auch er sei glücklich, in Biel zu sein, meinte ein alter Bekannter, der an diesem Anlass als DJ wirkte. Die Leute tanzten ein bisschen. Er schrie ins Mikrofon: «Biel ist halt schon eine geile Stadt. Wenn man es kennt und von hier ist.» Dieser Satz stimmte mich nachdenklich. Biel ist also nur geil, wenn man es kennt?
Ich überlegte kurz und kam zum Schluss, dass der DJ so unrecht wohl nicht hat. Wir haben ja kein Münster und keinen Bärenpark. Es sind die versteckten, kleinen Dinge, die unsere Stadt aus- oder eben geil machen.
Kürzlich zum Beispiel sah ich das oberflächlich betrachtet eher unschöne Bild eines mutmasslich Obdachlosen, der in einem Mülleimer im Stadtzentrum herumwühlte. Als ein Geschäftsmann im Anzug vorbeikam und seine Sandwichverpackung in besagten Mülleimer warf, wurde er vom mutmasslich Obdachlosen angeschnauzt, es war wunderschön. Der Clochard sagte: «Was soll das? Ich störe Sie auch nicht bei der Arbeit!»
Fabian Sommer
Samstag, 7. Januar 2012
Burn: Der Berner Hut
Alle Völker haben ihre traditionelle Kleidung, es gibt Trachten, Halsstreckringe, Lippenteller, Lodenmäntel, Kimonos, Turbane, Saris. Und es gibt den Berner Hut.
Am Berner Hut erkennt man recht zuverlässig den durchschnittlichen Berner zwischen 20 und ungefähr 35. Der Berner Hut ist nicht ganz einfach zu beschreiben: eine Art Schirmmütze, aber lässiger als ein Baseballcap, häufig in den Farben Khaki oder Schlamm oder auch Anthrazit, leicht verwaschen.
Wenn man den Berner Hut sieht, weiss man schon sehr viel über dessen Träger: Er ist vermutlich YB-Fan, er raucht, er hat eine Stammbeiz in seinem Quartier und kifft ab und zu mal, aber nicht zu viel, er hat einen okayen Job, vielleicht ist er schon mit dem Schatz zusammengezogen; eher wohnt er aber mit den «Giele» in einer WG, in der irgendwo ein Bumerang und eine Bierwerbung hängen. Er macht gern Ferien mit dem VW-Bus und mag chillige Musik. Er plant, ans Red-Hot-Chili-Peppers-Konzert zu gehen, sagt gern «bündig», und besonders oft trifft man ihn am Gurtenfestival. Ob er mit dem Berner Hut eine sich ankündigende Glatze verbirgt oder ihn einfach nur als Tracht schätzt, ist nicht überliefert. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit denkt er nach dem Lesen dieser Kolumne: «Derä spinnts. Das isch doch eifach – nume ä Tschäppu.»
Sarah Pfäffli
Am Berner Hut erkennt man recht zuverlässig den durchschnittlichen Berner zwischen 20 und ungefähr 35. Der Berner Hut ist nicht ganz einfach zu beschreiben: eine Art Schirmmütze, aber lässiger als ein Baseballcap, häufig in den Farben Khaki oder Schlamm oder auch Anthrazit, leicht verwaschen.
Wenn man den Berner Hut sieht, weiss man schon sehr viel über dessen Träger: Er ist vermutlich YB-Fan, er raucht, er hat eine Stammbeiz in seinem Quartier und kifft ab und zu mal, aber nicht zu viel, er hat einen okayen Job, vielleicht ist er schon mit dem Schatz zusammengezogen; eher wohnt er aber mit den «Giele» in einer WG, in der irgendwo ein Bumerang und eine Bierwerbung hängen. Er macht gern Ferien mit dem VW-Bus und mag chillige Musik. Er plant, ans Red-Hot-Chili-Peppers-Konzert zu gehen, sagt gern «bündig», und besonders oft trifft man ihn am Gurtenfestival. Ob er mit dem Berner Hut eine sich ankündigende Glatze verbirgt oder ihn einfach nur als Tracht schätzt, ist nicht überliefert. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit denkt er nach dem Lesen dieser Kolumne: «Derä spinnts. Das isch doch eifach – nume ä Tschäppu.»
Sarah Pfäffli
Samstag, 31. Dezember 2011
Bienne: Alles neu
In Biel war der Weihnachtswahn in Geschäften und Strassen vorbei, es war eine Befreiung. Endlich gab es wieder andere Themen als Bäume, Brunsli und den ganzen anderen Bullshit.
Zum Apéro traf ich einen alten Bekannten; einen, der alles Neue und Innovative und Mutige grundsätzlich teuer, unrealistisch und doof findet. So wetterte er denn auch gegen das seiner Meinung nach völlig überflüssige Regiotram, das in zehn Jahren das linke Seeufer mit dem Bözingenfeld im Osten unserer Stadt verbinden soll.
Ich konnte dann zum Glück für einmal mit historischem Wissen punkten. 1877 nämlich, so las ich kürzlich, wurde in Biel ein Rösslitram eingeweiht, das zweite der Schweiz notabene. Es war ein Symbol des Fortschritts, schuf Arbeitsplätze und trug einen wundervollen Namen: Tramways Bienne. So cool könnte auch das Regiotram werden, sagte ich zum Bekannten.
Der aber träumte längst. Er stelle sich gerade vor, wie das Rösslitram bimmelnd durch die Bahnhofstrasse rattere, seufzte er. Ich nickte, verabschiedete mich mit besten Wünschen fürs neue Jahr und trat ganz nostalgisch gestimmt auf die Strasse.
Dort zeigte ein kleines Mädchen seiner Freundin ihr neues Fahrrad. Sie betätigte die Klingel und sagte dann stolz: «Mein neuer Klingelton.»
Fabian Sommer
Zum Apéro traf ich einen alten Bekannten; einen, der alles Neue und Innovative und Mutige grundsätzlich teuer, unrealistisch und doof findet. So wetterte er denn auch gegen das seiner Meinung nach völlig überflüssige Regiotram, das in zehn Jahren das linke Seeufer mit dem Bözingenfeld im Osten unserer Stadt verbinden soll.
Ich konnte dann zum Glück für einmal mit historischem Wissen punkten. 1877 nämlich, so las ich kürzlich, wurde in Biel ein Rösslitram eingeweiht, das zweite der Schweiz notabene. Es war ein Symbol des Fortschritts, schuf Arbeitsplätze und trug einen wundervollen Namen: Tramways Bienne. So cool könnte auch das Regiotram werden, sagte ich zum Bekannten.
Der aber träumte längst. Er stelle sich gerade vor, wie das Rösslitram bimmelnd durch die Bahnhofstrasse rattere, seufzte er. Ich nickte, verabschiedete mich mit besten Wünschen fürs neue Jahr und trat ganz nostalgisch gestimmt auf die Strasse.
Dort zeigte ein kleines Mädchen seiner Freundin ihr neues Fahrrad. Sie betätigte die Klingel und sagte dann stolz: «Mein neuer Klingelton.»
Fabian Sommer
Samstag, 24. Dezember 2011
Burn: Crazy Familien
O du Weihnachten! Heute findet wieder der urbane Exodus statt; alle in die Stadt migrierten Landeier fahren aufs Dorf, der Bahnhof wird voll sein von Leuten mit feierlichen Mienen und Taschen, aus denen Geschenke quellen. Inklusive mir, ich bin Weihnachtsfan, ich liebe das. Wie meine Familie Berge von Essen auftischt, jeder bringt was mit, bei Gekauftem wird diskret die Nase gerümpft, und ab und zu wird jemand ironisch sagen: Jetzt haben wir wieder zu wenig zu essen! Oder: Nächstes Jahr suche ich mir eine Familie, in der es genug zu essen gibt!, und nie verleidet uns der Witz. Irgendwann werden wir Spiele spielen, ich werde verlieren und wütend werden, wie schon immer, und meine Schwestern werden sagen: Das ist, weil du nie im Kindergarten warst. Später werden wir etwas singen, so halb motiviert, weil irgendwer darauf besteht. Und am Abend spät werde ich mit meinen Gspänli vor der Reitschule anstehen und hoffen, dass wir noch reinkommen, und meine Gspänli werden Anekdoten von ihren eigenen crazy Familien erzählen; das war schon immer eine wohltuende Erkenntnis, dass keine Sippe perfekt ist. Familie halt. Weihnachten halt. Ich hoffe bloss, es gibt genug zu essen. Und nicht wieder zu wenig Päckli.
Sarah Pfäffli
Sarah Pfäffli
Samstag, 17. Dezember 2011
Bienne: Im Zahlen-Flash
In Biel war fast Weihnachten, und ich hatte erst ein einziges Geschenk. Zum Glück half ein alter Bekannter bei der Ideensuche. Er warf mir in einem fort Zahlen an den Kopf.
15, sagte er zuerst. So viele Punkte habe der EHC Biel im Moment mehr als Langnau. Oder 40. So viele Franken koste es in Biel, wenn man eine Parkkarte hat, aber aus Platznot nur die Hälfte eines blauen Feldes belegen kann. Oder 34. So hoch sei der Ausländeranteil an Bieler Schulen in Prozent. Das sei Schweizer Rekord und der Grund, weshalb viele unserer Freunde, die Kinder bekommen, aus der Stadt wegziehen, sagte der Bekannte.
In mir blinkte die Zahl 060, die Laufnummer einer Meldung der Nachrichtenagentur SDA von dieser Woche. Eine Studie zeigt, dass Primarschüler in Klassen mit hohem Ausländeranteil genauso gut lernen wie in reinen Schweizer Klassen.
Für ihre Doktorarbeit hat eine Erziehungswissenschafterin 42 Klassen im Kanton Bern auf Leistung und Intelligenz untersucht. Nicht einmal in Klassen mit 30 Prozent Ausländeranteil waren die Leistungen der Schüler schlechter.
Ich hatte auf einen Schlag ein Dutzend Weihnachtsgeschenke besorgt. Alle meine Eltern werdenden Freunde finden in einer Woche diese Doktorarbeit unterm Tannenbaum.
Fabian Sommer
15, sagte er zuerst. So viele Punkte habe der EHC Biel im Moment mehr als Langnau. Oder 40. So viele Franken koste es in Biel, wenn man eine Parkkarte hat, aber aus Platznot nur die Hälfte eines blauen Feldes belegen kann. Oder 34. So hoch sei der Ausländeranteil an Bieler Schulen in Prozent. Das sei Schweizer Rekord und der Grund, weshalb viele unserer Freunde, die Kinder bekommen, aus der Stadt wegziehen, sagte der Bekannte.
In mir blinkte die Zahl 060, die Laufnummer einer Meldung der Nachrichtenagentur SDA von dieser Woche. Eine Studie zeigt, dass Primarschüler in Klassen mit hohem Ausländeranteil genauso gut lernen wie in reinen Schweizer Klassen.
Für ihre Doktorarbeit hat eine Erziehungswissenschafterin 42 Klassen im Kanton Bern auf Leistung und Intelligenz untersucht. Nicht einmal in Klassen mit 30 Prozent Ausländeranteil waren die Leistungen der Schüler schlechter.
Ich hatte auf einen Schlag ein Dutzend Weihnachtsgeschenke besorgt. Alle meine Eltern werdenden Freunde finden in einer Woche diese Doktorarbeit unterm Tannenbaum.
Fabian Sommer
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