Samstag, 17. Dezember 2011

Bienne: Im Zahlen-Flash

In Biel war fast Weihnachten, und ich hatte erst ein einziges Geschenk. Zum Glück half ein alter Bekannter bei der Ideensuche. Er warf mir in einem fort Zahlen an den Kopf.

15, sagte er zuerst. So viele Punkte habe der EHC Biel im Moment mehr als Langnau. Oder 40. So viele Franken koste es in Biel, wenn man eine Parkkarte hat, aber aus Platznot nur die Hälfte eines blauen Feldes belegen kann. Oder 34. So hoch sei der Ausländeranteil an Bieler Schulen in Prozent. Das sei Schweizer Rekord und der Grund, weshalb viele unserer Freunde, die Kinder bekommen, aus der Stadt wegziehen, sagte der Bekannte.

In mir blinkte die Zahl 060, die Laufnummer einer Meldung der Nachrichtenagentur SDA von dieser Woche. Eine Studie zeigt, dass Primarschüler in Klassen mit hohem Ausländeranteil genauso gut lernen wie in reinen Schweizer Klassen.

Für ihre Doktorarbeit hat eine Erziehungswissenschafterin 42 Klassen im Kanton Bern auf Leistung und Intelligenz untersucht. Nicht einmal in Klassen mit 30 Prozent Ausländeranteil waren die Leistungen der Schüler schlechter.

Ich hatte auf einen Schlag ein Dutzend Weihnachtsgeschenke besorgt. Alle meine Eltern werdenden Freunde finden in einer Woche diese Doktorarbeit unterm Tannenbaum.

Fabian Sommer

Samstag, 10. Dezember 2011

Burn: Schöne Aussicht

Nächste Woche ist schon fast wie Weihnachten, nein besser: Da sind Bundesratswahlen, das heisst, man kann am frühen Morgen fenele, im Pischi mit der Decke vor den Fernseher und mitfiebern – wann macht man das sonst, ausser bei Skirennen!

Noch fast interessanter aber ist der Abend davor mit dem schwierigen Namen «Nacht der langen Messer». Vergangenes Jahr war ich am besagten Dienstag mit zwei Gspänli in der Bellevue-Bar. Wir latschten einfach rein, mit grossen Sporttaschen, in denen wer weiss was hätte stecken können, lange Messer zum Beispiel – hat niemand kontrolliert. Aber wir hatten ja auch nichts Böses im Sinn. Wir tranken nur ein paar Bier und schauten: wie sich Politiker wichtig machten; wie Journalisten um sie rumschlichen; wie der Mann, der am nächsten Tag gewählt werden würde, fleissig Hände schüttelte; wie sein Parteipräsident einem Nationalrat in fast bedrohlichem Ton empfahl: «Unsere zwei sind gut für euch»; und wie ein anderer Bürgerlicher das Barpersonal herumscheuchte: «Jetzt habt ihr mal was zu tun, hä! Jetzt seid ihr wohl überfordert, hä! Das ist doch kein Staatsbetrieb! Ha ha ha!» Es war ein sehr lustiger Abend, und am Ende dachten wir: Das kann man nur in Bern – live Politik schauen. So wie Fussball oder Eishockey. Oder Skirennen.

Sarah Pfäffli

Samstag, 3. Dezember 2011

Bienne: Good Vibes

In Biel war eine angenehm heitere Stimmung, gute Vibes irgendwie, und das lag nicht an Petrus, sondern am Leben an sich. Daran konnten auch ein paar Schüsse im McDonald’s nichts ändern.

Im Fussball hatten wir wieder mal einen Grossen aus dem Cup geworfen (Servette), im Eishockey spielten wir zeitweise sieben Punkte Vorsprung auf die Memmen aus dem Tal (Langnau) heraus. Und im Ständerat hatten wir dafür gesorgt, dass Amstutz durch das «Musketier» de Bienne ersetzt wird (Stöckli). Er habe noch mehr tolle News, meinte ein alter Bekannter beim Feierabendbier. Am nächsten Donnerstag taufe die Fluggesellschaft Swiss einen Airbus auf den Namen Biel/Bienne, sagte er, das sei doch grossartig. Und das Flugi erinnere ihn an eine Anekdote aus dem Kindergarten, den sein Sohn besucht. Dieser habe kürzlich vor zwei Kameraden damit angegeben, dass sein Papi einen Audi S8 fahre und deshalb der schnellste Papi von allen sei. Sein Vater könne fliegen, eine Cessna, die sei viel schneller, konterte sein kleiner Kollege. Das dritte Kind in der Runde sei kürzlich aus Bern hergezogen, erzählte der Bekannte dann. Es habe gesagt, sein Vater sei der absolut Schnellste von allen. Er sei Beamter. Um fünf Uhr habe er Feierabend, um halb vier sei er schon zu Hause.

Fabian Sommer

Samstag, 26. November 2011

Burn: Gruusigi blaui Dräcksau

Einen Feind wünscht man ja niemandem. Trotzdem hatte meine Gang jahrelang gleich zwei, und das freiwillig. Es gab «dr chly Feind» und «dr gross Feind» – beides uns unbekannte Männer, denen wir in Bern ständig begegnet sind und deren Erscheinungsbild einfach nervte. Mit der Zeit wurden diese Namen derart normal, dass wir sie ganz beiläufig benutzten: «Und der Feind war auch noch da.» – «Welcher, der grosse oder der kleine?»

Erst viel später habe ich festgestellt, dass wir nicht die einzigen waren, die in der Kleinstadt ihre Feinde pflegten. Ein Gspänli von mir hat ebenfalls einen Feind, und er kannte auch einen Typ mit Übernamen «Zelt». Bei uns gab es zudem «die Eule», den Mann mit dem seltsamen Namen «Das Jahr» oder «die gruusige Saumoore». Ein anderes Gspänli kannte eine «Fernschönheit» sowie «die gruusigi blaui Dräcksau». Niemand weiss mehr, wie diese böse Bezeichnung entstand. Nach und nach verlieren solche Übernamen ihre Bedeutung, sodass man, ohne mit der Wimper zu zucken, erzählen kann: «Gestern sah ich die gruusige blaui Dräcksau in der Migros.»

Vor kurzem nun habe ich den kleinen Feind kennen gelernt. Es war mir insgeheim ein bisschen peinlich, weil er in Wirklichkeit sehr nett ist. Ich kenne jetzt seinen richtigen Namen. Aber in meinem Kopf, ich brings nicht weg, bleibt er «dr chly Feind».

Sarah Pfäffli

Samstag, 19. November 2011

Bienne: Der letzte Bus

In Biel war Freitagabend, Mitternacht, ich hängte mit der Clique ab. Eine sehr gelungene Rapzeile übrigens. Ist von Bligg. Aus jener Zeit, als der noch Musik machte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls sassen wir an einem alten Holztresen und diskutierten über die heutige Jugend und darüber, dass in unserer Stadt nachts wenig los ist. Diesbezüglich, bemerkte ein alter Bekannter zähneknirschend, habens die Berner schon ein wenig besser. Alle nickten.

Wir trösteten uns schliesslich damit, dass es bei uns weder eine Lackschuhtragpflicht noch eine Cowboys-Bar gibt und dass man mit 30 sowieso lieber an alten Holztresen sitzt als in Discos rumhängt und später Partyfotos auf Facebook stellt.

Um kurz vor 1 Uhr nahm ich den letzten Bus nach Hause, wie man das mit 30 so tut. Es sollte sich einmal mehr lohnen. Vis-à-vis sass eine angeheiterte junge Dame von etwa 18 Jahren. Ein Kontrolleur stieg zu und wollte ihr Ticket sehen. Sie hatte keins. Er fragte nach der ID. Sie hatte keine. Er fragte, ob sie sonst irgendein Dokument mitführe, mit dem sie sich ausweisen könne. Sie sagte Nein und hielt inne. «Aber auf Facebook bin ich, da kannst du mein Freund werden», meinte sie dann.

Fabian Sommer

Samstag, 12. November 2011

Burn: Der Boden ist schuld

Wir haben ein Spiel, es geht so: Wer häufiger stolpert, verliert. Es ist ein schönes Ferienspiel, weil es so simpel die Schadenfreude bedient und es so viele Gelegenheiten gibt, Punkte zu sammeln – schliesslich sind Trottoirs und Strassen an den wenigsten Orten der Welt so eben wie bei uns.

Das Stoglispiel funktioniert aber auch in Bern sehr gut, Kopfsteinpflaster sei Dank. (Lange meinte ich ja, es heisse «Klopf-steinpflaster». Ich fände das immer noch besser, aber ich passe mich halt an. Ich kenne auch jemanden, der meint, es heisse «ankerum» statt «handkehrum». Mir gefällt das.) Jedenfalls: Ständig sehe ich Leute stolpern, ein international verbreiteter Vorgang: Man stolpert, kommt ins Trudeln, fängt sich wieder und schaut sich ärgerlich um, als ob der Boden was dafür könnte. Schliesslich tut man so, als ob nichts geschehen wäre, und geht mit vorsichtigeren Schritten weiter.

Das ist die gute Variante. Die weniger gute ist: durch eine Passage in der Stadt sprinten, weil man das Tram erwischen will, und der vollen Länge nach aufs Trottoir fliegen. So geschehen – mir, kürzlich.

Ich stand auf, sah mich empört um (das Trottoir war schuld!) und ging weiter, klopfenden Herzens und mit schmerzenden Knien. Im Ferienstoglispiel hätte ich haushoch verloren. Aber ich tat natürlich so, als wäre nichts geschehen.

Sarah Pfäffli

Samstag, 5. November 2011

Bienne: Am See

In Biel war schon Novemberdepression. Der EHC holte keine Punkte mehr. Die Sonne war nicht mehr länger als 15 Minuten am Tag zu sehen. Ein Alki sass im Coop-Supercenter hinter dem Bahnhof mit Bierdose auf einem dieser Massagestühle, ohne allerdings die fünf Franken für die Massage eingeworfen zu haben.

Nur gut, dass plötzlich ein alter Bekannter aufkreuzte und mich überredete, mit ihm eine Tour de Bielersee zu unternehmen. «Lass uns Seewein trinken», meinte er. Wir stellten dann rasch fest, dass der Bielerseewein von Jahr zu Jahr besser wird. Und beim Plaudern mit einem knorrigen Weinbauern aus Twann merkten wir, wie gut der Winzerhumor gegen die Novemberdepression ist. Der Mann erzählte uns die Anekdote von zwei Bielersee-Weinbauern, die in einem Bistro in Paris sitzen und einen Halben Twanner ordern. Der Kellner ist verwirrt und fragt beim Chef nach, was er tun soll. «Misch drei Dezi Essig mit zwei Dezi Hahnenwasser und stell das auf den Tisch», erklärt der weit gereiste Chef. Der Kellner tut, wie ihm befohlen. Die Weinbauern prosten sich zu, halten einen Moment lang inne. «Ich sage es ja schon lange», sagt der eine dann, «den guten exportieren sie.»

Fabian Sommer