Gerade in diesen Tagen, vor dem Zügeltermin, wird vielen Menschen wieder mal das elfte Gebot bewusst: Du sollst nicht Kram ansammeln. Ich habe das Problem gelöst, indem ich am Sonntag schachtelweise Zeug aufs Mäuerchen an der Quartierstrasse gestellt und als «gratis» beschriftet habe – am Abend war alles weg. Selbst der grösste Schrott. Der Mensch ist ein Aasgeier.
Nun habe ich mir vorgenommen, nur noch immaterielle Dinge zu sammeln. Meine neue Leidenschaft: Ich sammle Verhörer. Ist im Fall kein Verschreiber: Verhörer. Weil es immer wieder eine grosse Freude ist, wenn jemand etwas ganz falsch versteht.
Den jüngsten Zugang nahm ich kürzlich im schönen Restaurant Volver beim Rathaus auf. Die Kellnerin kam an unseren Tisch und fragte, ob jemand von uns «ä Süessmoscht» bestellt habe. Mein Gspänli: «Was? Gmüestoast?» Ich weiss noch nicht, ob der es in meine Top-3 schafft. Die sind schon hübsch besetzt, etwa so:
A: Ich bin mit Jürg Halter zur Schule gegangen.
B: Was? Mit Jörg Haider?
Aber mein Liebling ist die Szene von vor dem Spiel YB – Fenerbahçe Istanbul, als jemand vor dem Stadion sagte: A: «Viellech isch ja d Miss Türkei da.» B: «Dr Mister Gay?» Super Verhörer. Und braucht null Platz im Zügelauto.
Sarah Pfäffli
Samstag, 16. April 2011
Samstag, 9. April 2011
Bienne: Vorzüge einer Stadt
In Biel war Sonntag und Sonnenschein und ein bisschen Zeit zum Zeitungslesen vorhanden. Aus meinem Leibblatt vernahm ich, dass die Wohnungssuche in Bern ätzend ist. Die Frau Kollegin aus der Bundesstadt möchte deshalb nach Biel kommen, wenn sie dereinst wieder einen Umzug in Betracht ziehen sollte.
Das, verehrte Kollegin, ist eine fabelhafte Idee. Und gibt mir die Gelegenheit, endlich wieder einmal ein bisschen Stadtmarketing zu betreiben.
Erstens schmeissen sie dir die Wohnungen à Bienne wirklich nach. Es gibt Siebenzimmervillen mit Seeblick für 3000 Stutz. Es gibt Viereinhalbzimmerwohnungen in schönen alten Blöcken für 700 und durchgestylte Dreizimmerappartements im Stadtzentrum für 1200 Franken.
Viel wichtiger als die finanzielle Komponente aber sind die kleinen, entscheidenden Unterschiede zwischen Bern und Biel, Frau Kollegin.
In Biel kann man in einem See baden! In Biel kann man Fussball auf echtem Rasen sehen! In Biel kann man als Sportfan auch im April noch an einen Titel denken! In Biel lernt man Französisch von selbst, weil man es jeden Tag hört!
Und in Biel kann man von September bis März ohne schlechtes Gewissen depressiv tun, weils immer neblig ist. Davon kann man in Bern nur träumen!
Fabian Sommer
Das, verehrte Kollegin, ist eine fabelhafte Idee. Und gibt mir die Gelegenheit, endlich wieder einmal ein bisschen Stadtmarketing zu betreiben.
Erstens schmeissen sie dir die Wohnungen à Bienne wirklich nach. Es gibt Siebenzimmervillen mit Seeblick für 3000 Stutz. Es gibt Viereinhalbzimmerwohnungen in schönen alten Blöcken für 700 und durchgestylte Dreizimmerappartements im Stadtzentrum für 1200 Franken.
Viel wichtiger als die finanzielle Komponente aber sind die kleinen, entscheidenden Unterschiede zwischen Bern und Biel, Frau Kollegin.
In Biel kann man in einem See baden! In Biel kann man Fussball auf echtem Rasen sehen! In Biel kann man als Sportfan auch im April noch an einen Titel denken! In Biel lernt man Französisch von selbst, weil man es jeden Tag hört!
Und in Biel kann man von September bis März ohne schlechtes Gewissen depressiv tun, weils immer neblig ist. Davon kann man in Bern nur träumen!
Fabian Sommer
Samstag, 2. April 2011
Bern: Wer sucht, der sucht
Allen, die mit dem Gedanken spielen, in Bern eine Wohnung zu suchen, möchte ich herzlich abraten. Denn die Wohnungssuche ist hier eine emotionale Berg-und-Tal-Fahrt, zeitraubend, mit ungewissem Ausgang und beachtlichem Konfliktpotenzial.
Also natürlich gibts die Glückspilze, die sich bei der zweiten Besichtigung in eine Wohnung verlieben und die auch gleich kriegen. Aber dazu gehört man ja meistens nicht. Vielmehr sollte man sich auf Zürcher Verhältnisse gefasst machen: Menschenschlangen vor Wohnungen, die auf dem Internet ohne Foto als «Traumwohnung mit riesiger Dachterrasse» angepriesen werden (und sich als Kabäuschen herausstellen). Mieter, die die Auswahl des Nachmieters davon abhängig machen, wer am meisten ihres Krempels zu Fantasiepreisen übernimmt. Schleimende Konkurrenz, die vor nichts zurückschreckt. Verwaltungen, die nicht einmal Bewerbungen beantworten.
Es ist ganz grässlich. Und zum Glück für uns jetzt vorbei, weil wir endlich ein I-a-Zuhause gefunden haben. Aber ich schreibe dies hier alles auf für den Fall, dass ich irgendwann wieder an einen Umzug denken sollte. Notiz an selbst: Zieh nach Biel! Dort macht zwar ständig irgendwo einer einen Witz, und sie sind wahnsinnig lokalchauvinistisch.
Dafür schmeissen sie dir scheints die Wohnungen nach.
Sarah Pfäffli
Also natürlich gibts die Glückspilze, die sich bei der zweiten Besichtigung in eine Wohnung verlieben und die auch gleich kriegen. Aber dazu gehört man ja meistens nicht. Vielmehr sollte man sich auf Zürcher Verhältnisse gefasst machen: Menschenschlangen vor Wohnungen, die auf dem Internet ohne Foto als «Traumwohnung mit riesiger Dachterrasse» angepriesen werden (und sich als Kabäuschen herausstellen). Mieter, die die Auswahl des Nachmieters davon abhängig machen, wer am meisten ihres Krempels zu Fantasiepreisen übernimmt. Schleimende Konkurrenz, die vor nichts zurückschreckt. Verwaltungen, die nicht einmal Bewerbungen beantworten.
Es ist ganz grässlich. Und zum Glück für uns jetzt vorbei, weil wir endlich ein I-a-Zuhause gefunden haben. Aber ich schreibe dies hier alles auf für den Fall, dass ich irgendwann wieder an einen Umzug denken sollte. Notiz an selbst: Zieh nach Biel! Dort macht zwar ständig irgendwo einer einen Witz, und sie sind wahnsinnig lokalchauvinistisch.
Dafür schmeissen sie dir scheints die Wohnungen nach.
Sarah Pfäffli
Samstag, 26. März 2011
Bienne: Bieler Frühling
In Biel war Frühling. Stadtgärtner mit starken Händen setzten in Kreiseln und an Strassenrändern Blumen und Grünzeugs. Die örtlichen Hockeyfans diskutierten über die Fussballnati und andere Randsportler, da ihre Saison früh zu Ende gegangen war wie seit Jahren nicht mehr. Junge und jung gebliebene Damen nahmen kurze Röcke und/oder riesige Sonnenbrillen aus den Schränken und stolzierten durch die Strassen. Und die üblicherweise sehr grimmigen Alkis vor dem Bahnhof waren gut gelaunt wie selten.
Alles passte grad bestens, die Stadt roch förmlich nach Optimismus. Mit einem alten Bekannten besorgte ich deshalb umgehend Grillfleisch und Dosenbier.
Das war eine gute Entscheidung, denn beim Grossverteiler durften wir Zeuge eines weiteren bemerkenswerten Ereignisses dieses noch jungen Bieler Frühlings werden.
Eine ältere Frau mit unschwer erkennbarem Migrationshintergrund irrte orientierungslos durch die Gänge. Plötzlich nahm sie ein gefrorenes Poulet aus der Kühltheke und sprach eine Verkäuferin an. «Das da Mutter. Wo Kinder?»
Die Verkäuferin stutze nur kurz. Dann deutete sie auf das Regal mit den Eiern. Die Frau lächelte zufrieden.
Fabian Sommer
Alles passte grad bestens, die Stadt roch förmlich nach Optimismus. Mit einem alten Bekannten besorgte ich deshalb umgehend Grillfleisch und Dosenbier.
Das war eine gute Entscheidung, denn beim Grossverteiler durften wir Zeuge eines weiteren bemerkenswerten Ereignisses dieses noch jungen Bieler Frühlings werden.
Eine ältere Frau mit unschwer erkennbarem Migrationshintergrund irrte orientierungslos durch die Gänge. Plötzlich nahm sie ein gefrorenes Poulet aus der Kühltheke und sprach eine Verkäuferin an. «Das da Mutter. Wo Kinder?»
Die Verkäuferin stutze nur kurz. Dann deutete sie auf das Regal mit den Eiern. Die Frau lächelte zufrieden.
Fabian Sommer
Samstag, 19. März 2011
Bern: Super Sorgen
Mich ärgert jeden Tag ganz vieles: Die alte Frau an der Greyerzstrasse, die uns durch die Gegensprechanlage verkündet, die Wohnung sei jetzt eben schon vergeben; dabei waren wir doch die Ersten, die um einen Besichtigungstermin angefragt hatten. Die beleidigend banalen Songs einer Bieler Popband am Radio. Das schockgefrorene Lächeln der Berner TV-Moderatorin. Das Ziehen in meiner verspannten Schulter. Die Nachbarin, die jeden Morgen das Treppenhaus herunterdonnert. – Solcher Art sind meine Sorgen.
Und nun habe ich ein schrecklich gutes Buch gelesen, es heisst «Das Recht auf Rückkehr» und handelt von einem Professor, der gerade in der Abendsonne vor seinem schönen Haus telefoniert, als er realisiert, dass sein Kind verschwunden ist. Die schlimmste Stelle des Buches ist die, in der der Mann begreift, dass alles, was in seinem Leben bislang von vermeintlicher Bedeutung war, auf der Stelle nichtig ist.
An dieses Gefühl muss ich wieder denken, wenn ich die Bilder aus Japan sehe.
Und so freue ich mich dieser Tage aufrichtig darüber, dass es mir vergönnt ist, mich über doofe Popsongs, die anstrengende Wohnungssuche oder laute Nachbarn aufzuregen. Ich liebe meine kleinstädtischen Probleme wirklich sehr.
Sarah Pfäffli
Und nun habe ich ein schrecklich gutes Buch gelesen, es heisst «Das Recht auf Rückkehr» und handelt von einem Professor, der gerade in der Abendsonne vor seinem schönen Haus telefoniert, als er realisiert, dass sein Kind verschwunden ist. Die schlimmste Stelle des Buches ist die, in der der Mann begreift, dass alles, was in seinem Leben bislang von vermeintlicher Bedeutung war, auf der Stelle nichtig ist.
An dieses Gefühl muss ich wieder denken, wenn ich die Bilder aus Japan sehe.
Und so freue ich mich dieser Tage aufrichtig darüber, dass es mir vergönnt ist, mich über doofe Popsongs, die anstrengende Wohnungssuche oder laute Nachbarn aufzuregen. Ich liebe meine kleinstädtischen Probleme wirklich sehr.
Sarah Pfäffli
Samstag, 12. März 2011
Bienne: Im Herzen
In Biel war fast Ausnahmezustand, seit einer Woche. Die höchstens halbprofessionellen Kicker unseres FCB hatten am letzten Donnerstag den millionenschweren FC Basel aus dem Schweizer Cup gekickt. Es war, und dafür gibt es keine anderen Worte: geil, geil, geil.
Der alte Bekannte, den ich traf, war noch im Delirium. Er wolle eine Motion im Stadtrat anregen, sagte er. Das 99-jährige Stadion Gurzelen solle zum Denkmal erklärt werden, darin goldene Statuen der Helden vom 3.3.2011.
Der Bekannte erzählte auch von der Berichterstattung im Vorfeld der Partie. Die Onlineausgabe der grössten Schweizer Zeitung hatte 20 Stunden vor dem Anpfiff von Biel - Basel und nach der Halbfinal-Auslosung getitelt: «Basel muss zu Sion.»
Noch besser war das Staatsfernsehen. Als YB und Thun am Mittwoch ihre Cupspiele verloren hatten, sagte Moderator Matthias Hüppi zu Experte Hanspeter Latour: «Bitter, bitter, alle Berner Mannschaften sind jetzt ausgeschieden.»
Wunderschön, wie die Genugtuung anhält, sagte ich zum Bekannten. Die Genugtuung darüber, wie gnadenlos wir Biennois die arroganten Restschweizer abgestraft hatten. Dafür braucht es keine Denkmäler, so was bleibt in den Herzen.
Fabian Sommer
Der alte Bekannte, den ich traf, war noch im Delirium. Er wolle eine Motion im Stadtrat anregen, sagte er. Das 99-jährige Stadion Gurzelen solle zum Denkmal erklärt werden, darin goldene Statuen der Helden vom 3.3.2011.
Der Bekannte erzählte auch von der Berichterstattung im Vorfeld der Partie. Die Onlineausgabe der grössten Schweizer Zeitung hatte 20 Stunden vor dem Anpfiff von Biel - Basel und nach der Halbfinal-Auslosung getitelt: «Basel muss zu Sion.»
Noch besser war das Staatsfernsehen. Als YB und Thun am Mittwoch ihre Cupspiele verloren hatten, sagte Moderator Matthias Hüppi zu Experte Hanspeter Latour: «Bitter, bitter, alle Berner Mannschaften sind jetzt ausgeschieden.»
Wunderschön, wie die Genugtuung anhält, sagte ich zum Bekannten. Die Genugtuung darüber, wie gnadenlos wir Biennois die arroganten Restschweizer abgestraft hatten. Dafür braucht es keine Denkmäler, so was bleibt in den Herzen.
Fabian Sommer
Samstag, 5. März 2011
Bern: Schau mal!
Manchmal begegnet man Menschen, denen man nicht begegnen möchte. So ist das halt. Aber ist es nicht ein wenig doof, wie viele Leute damit umgehen? Mit Weggucken und verkrampft So-tun-als-ob-ich-sie-nicht-gesehen-hätte? Dabei merkt doch jeder genau, ob so ein Nicht-gesehen-Werden gespielt ist oder echt. Es ist lächerlich.
Grad zweimal ist mir das jetzt mit dem Ex-Freund einer Freundin passiert. Einmal in einer Bar, er musste mich gesehen haben, und obwohl ich keinen Wert drauf legte, sagte ich beim Rausgehen: Hallo, Dings. Er tat totaaal überrascht, aaahh, tschou Sarah! I ha di gar nid gseh! Bla. Nun hätte er sich das peinliche Theater sparen können, wenn er mir vorher einmal kurz zugenickt hätte.
Das nächste Mal am Bahnhof, da stand er und wartete auf jemanden, ich ging zwangsläufig auf ihn zu, er drehte sich ungeschickt um und wartete in eine andere Richtung. Extrem unsouverän. Ich passierte ihn schmunzelnd: Typisch semiurbane Selbstüberschätzung, zu glauben, jeder wolle mit einem reden.
Schon klar, die Leute haben Angst davor, Müntschi geben und blöd smalltalken zu müssen – aber die hab ich ja auch! Deshalb plädiere ich bei allen entfernten Bekannten für ein entspanntes Hey, verbunden mit einem Kopfnicken aus der Ferne. Mängisch isch weniger gnue.
Sarah Pfäffli
Grad zweimal ist mir das jetzt mit dem Ex-Freund einer Freundin passiert. Einmal in einer Bar, er musste mich gesehen haben, und obwohl ich keinen Wert drauf legte, sagte ich beim Rausgehen: Hallo, Dings. Er tat totaaal überrascht, aaahh, tschou Sarah! I ha di gar nid gseh! Bla. Nun hätte er sich das peinliche Theater sparen können, wenn er mir vorher einmal kurz zugenickt hätte.
Das nächste Mal am Bahnhof, da stand er und wartete auf jemanden, ich ging zwangsläufig auf ihn zu, er drehte sich ungeschickt um und wartete in eine andere Richtung. Extrem unsouverän. Ich passierte ihn schmunzelnd: Typisch semiurbane Selbstüberschätzung, zu glauben, jeder wolle mit einem reden.
Schon klar, die Leute haben Angst davor, Müntschi geben und blöd smalltalken zu müssen – aber die hab ich ja auch! Deshalb plädiere ich bei allen entfernten Bekannten für ein entspanntes Hey, verbunden mit einem Kopfnicken aus der Ferne. Mängisch isch weniger gnue.
Sarah Pfäffli
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