Samstag, 4. Juni 2011

Bienne: Blau-Rot-Grün

In Biel war ein gepflegter Weinanlass, das perfekteste aller Deckmäntelchen für hemmungs- und kostenlosen Alkoholgenuss überhaupt. Es gab strohgelben Arneis aus dem Piemont und einen Schweren, fast Violetten aus Sizilien. Nicht unerwartet kam ich Stunden später sehr blau aus der Verkostung von Weissem und Rotem heraus. Auf dem Nachhauseweg geschah es dann. Vor einer passend zur Degustation auf Rot stehenden Fussgängerampel behauptete eine alte Bekannte, sie kenne einen Zauberknopf, der einen nicht unerheblichen Zeitgewinn bringe. Ich stutzte noch, als sie kurz unter den gelben Schalter an der Ampel griff. Und schwuppdiwupp ward es: grün.

Am nächsten Tag ging ich der Sache nach, mit zur Situation passender, grünlicher Gesichtsfarbe. Ich fand heraus: Die Zauberknöpfe gibt es wirklich. Fussgängerampeln an sogenannten Blindenzirkulationswegen sind mit einem Schnellschalter ausgerüstet, erklärte ein Sprecher des kantonalen Tiefbauamts vor einiger Zeit in dieser Zeitung. Wird der Knopf betätigt, schaltet die Ampel schneller um und bleibt länger grün.

Ich kenne nun also das Geheimnis der Zauberknöpfe. Und auch den praktischen Nutzen für Nichtblinde: Nächstes Mal werde ich drei Minuten vor allen anderen am Weinanlass sein.

Fabian Sommer

Samstag, 28. Mai 2011

Burn: Halbtax

Ein interessantes städtisches Samstagsphänomen nennt sich halbelen. Kurz vor Ladenschluss rennt man noch in den Coop und kauft irgendwelchen absurden Kram zum halben Preis, den der Laden sonst wegschmeissen muss. Dann freut man sich sehr stolz über das Schnäppchen. (Dabei kauft man natürlich lauter Zeug, das man zum Normalpreis nie gekauft hätte, und spart so überhaupt nicht, im Gegenteil. Aber darum gehts ja nicht.)

Ich bin eher ein Zufallshalbeler – mal ein paar Mangoschnitze, wenn mich der rote Halbpreispunkt darauf anschreit, oder ein Salat, der dann schlecht wird im Kühlschrank.

Scheints gibt es aber auch richtige Profihalbeler. Die tummeln sich samstags etwa ab 15.45 Uhr im Riesen-Coop-Center im Stade de Suisse. Gemächlichen Schrittes, aber mit wachem Blick, ziehen sie eine gute Stunde lang ihre Runden um Frischprodukte und Kühlregale, um nie den Moment zu verpassen, wenn ein Ladenmitarbeiter eine gerade heruntergeschriebene Ware zurück ins Regal legt. Die Profihalbeler sind auch gern zu mehreren auf der Lauer. Manchmal reissen sie den Angestellten Spargeln und Bioerdbeeren geradezu aus den Händen. Am besten (oder schlimmsten, ähm), sei das Spektakel vor Feiertagen.

Bald ist Pfingsten. Das werd ich mir ansehen. Und vielleicht halbele ich ja grad ein paar Sushi.

Sarah Pfäffli

Samstag, 21. Mai 2011

Bienne: 100

In Biel war Samstagnachmittag, und die Leute kamen in Scharen aus der Provinz zurück. Der Grand Prix von Bern war eben zu Ende gegangen. Für die meisten Bieler Läufer, und das sagte ein alter Bekannter vor seinem grossen Bier im Brustton der Überzeugung, sei der GP eh nur eine lockere Trainingseinheit. Mitte Juni, da warte die echte Herausforderung, der 100-Kilometer-Lauf von Biel. Der Hunderter, sagte er, sei was für echte Kerle, nicht so 16-Kilometer-Larifari-Zeugs.

Die Zahl 100 wiederum war für mich ein Steilpass. Ich erwähnte, dass ich gerade daran sei, diesen 100. Text der Reihe «Bern Baby Burn – Ici c’est Bienne» zu verfassen. Deshalb dürfe ich vielleicht kurz auf die verdankenswerte Arbeit meiner Kollegin Pfäffli hinweisen: Sie hat alle bisher erschienenen Bern-Biel-Texte auf einem sehr hübschen Blog zusammengestellt: bernbiel.blogspot.com.

Das sei ihm doch egal, meinte der alte Bekannte nur. Ich solle erst mal so hart arbeiten wie der legendäre Seeländer Ultralangstreckenläufer Aribert Hannappel, dann würde er wieder mit mir über Zahlen reden. Hannappel, der übrigens auch gut töpfert, absolvierte den Hunderter sagenhafte 37-mal in Serie, und zweimal sogar doppelt. Er kam ins Ziel – und lief die 100 Kilometer gleich noch einmal, ohne Pause.

Fabian Sommer

Samstag, 14. Mai 2011

Bern: Keuchen und kotzen

Dieses Jahr brauchte es etwa ein halbes Dutzend Begegnungen mit rotgesichtigen, ebenso fest keuchenden wie entschlossenen Hobbyläufern, bis ich realisierte: aha, bald Grand Prix. Das ist, wenn ein paar Tausend Leute ihre Knie ruinieren und sich auskotzen und danach sagen, es sei einfach ein super Gefühl. Jeden Frühling das Gleiche in Bern – plötzlich sind alle am Secklen, und niemand hat mehr Zeit für gesunde Feierabendaktivitäten, weil alle noch den Aargauerstalden üben oder sich im Fachgeschäft Joggingzeug wie Anschnallvorrichtungen für den iPod kaufen müssen.

Doch trotz gewisser Vorbehalte verfolgte ich dieses Jahr die Vorbereitung eines meiner Gspänli auf den Grand Prix mit einer Mischung aus Bewunderung und schlechtem Gewissen. Weil so ein bisschen mehr Sport wäre ja schon gut. Und die schönsten 10 Meilen der Welt. Und Ziele erreichen. Und Runner’s High. Und Bliblablu.

Dann aber hörte ich vom Vorsatz eines anderen Gspänli: Er wolle als einziger Berner in die Geschichte eingehen, der zu Lebzeiten weder an einem Konzert von Patent Ochsner und Züri West gewesen ist noch am Grand Prix teilgenommen hat.

Die ersten beiden hab ich schon verpatzt. Aber Letzteres sollte auch für mich noch möglich sein. Man kann im Fall alles schaffen, wenn man nur will.

Sarah Pfäffli

Samstag, 7. Mai 2011

Bienne: Auf dem See

In Biel war seit ungefähr einhundert Tagen Sommer. Die meisten Grillroste in der Gegend waren mit Fleischresten beklebt, auf den Trottoirs lagen gelbe Blütenstaubansammlungen. Und alle Leute hatten weisse Sonnenbrillenabdrücke auf den Gesichtern. Von weitem sahen sie aus wie Ausserirdische.

Wunderbar, dieser Sommer im April, summte ein alter Bekannter, den ich auf dem Markt in der Altstadt antraf. Er kaufte gerade Geisskäse aus dem Jura, als es tatsächlich wieder einmal zu regnen begann. Also lud ich ihn auf einen Frühschoppen ein. Wir tranken ein Frappé mit Schuss und tauschten Themen aus den letzten einhundert Tagen aus. Das heldenhafte Cup-Aus unseres Fussballclubs. Der Sonnenbrand auf den Schienbeinen. Die menschenunwürdige Regelung, wonach Getränke ab 0.30 Uhr nicht mehr auf Restaurantterrassen serviert werden dürfen.

Die beste Geschichte aber habe er kürzlich beim Fischen auf dem See erlebt, sagte der Bekannte. Auf einem Pedalo vis-à-vis seines Bootes seien vier Männer gesessen: zwei kleine Jungen vorne an den Pedalen. Hinten raus, mit den Füssen im Wasser, ihre Väter. Mit Bier.

«Ihr habt eure Jungs aber gut erzogen», habe er zu ihnen gesagt, erzählte der Bekannte. «Irgendwann», habe der eine Vater dann geantwortet, «muss sich das Kindermachen ja mal lohnen.»

Fabian Sommer

Samstag, 30. April 2011

Bern: Mein Frühling

Was ich nicht mag am Frühling:

– Das öffentliche Genöle der Pollenallergiker.

– Die Steuererklärung.

– Jahreszeiten-Avantgardisten, die im April so unangezogen rumlaufen, dass sie im Sommer nichts mehr auszuziehen haben.

– Outdoor-Besäufnisse.

– Artikel, in denen sich Journalistinnen enervieren, dass die Leute ihre Füsse nicht pflegen.

– Schilder bei Bäckereien und Restaurants: «Erdbeersaison» (gemeint ist «In den spanischen Treibhäusern ist jetzt Erdbeersaison»).

– Das grelle Licht.

– Den säuerlich-scharfen Schweissgeruch im Tram ab 20 Grad Celsius (Deo, kennsch?)

– Dass man immer zu warm (tagsüber) oder zu kalt (morgens und nachts) angezogen ist.

– Den verfrühten Grillierzwang.

– Dass YB wie immer ganz unglücklich den Cupsieg/das Weiterkommen im Cup/den Meistertitel/den Anschluss an die Tabellenspitze et cetera verpasst.

Der Rest aber: grossartig, im Fall.

Sarah Pfäffli

Samstag, 23. April 2011

Bienne: Kabarett im Park

In Biel war wieder mal die alte Multikultileier im Gang. Ein paar Freunde aus entfernteren Gegenden unseres schönen Kantons wollten bei ihrem Besuch bei einem alten Bekannten und mir wissen, wie das so sei, mit 28,1 Prozent Ausländern und so.

Wir können nicht klagen, sagten der alte Bekannte und ich unisono. Immerhin haben wir Freunde und Imbissbuden aus allen Regionen der Erde hier.

Das Beste an dieser Bieler Multikultisache sind aber die kleinen kabarettistischen Einlagen, die Jugendliche mit Migrationshintergrund auf den Strassen bieten. In Biel-Mett sei er kürzlich an einem Schulhaus vorbeigekommen, erzählte der alte Bekannte. Zwischen zwei Teenagern habe er dort folgenden Dialog belauscht: «Mann, wir gehen nächste Woche ins Skilager, Mann.» – «Echt, Mann?» – «Aber weisst du was? Es hat keinen Schnee, Mann.» Dann grosses Gelächter.

Auch gut war die Szenerie im (wunderschönen, liebe Berner) Elfenaupark von vor ein paar Tagen. Zwei herzige Gangster sassen dort im (und rauchten) Gras.

«Wo sind die anderen Homeboys? Ruf doch mal an.» – «Nein, Mann. Habe kein Geld mehr auf dem Handy.» – «Dann schreib doch eine SMS.» – «Das ist auch zu teuer, Mann.» – «Dann schreib halt nur ganz kurz: Komm Elfenaupark.» – «De haut, Mann.»

Fabian Sommer