Ich habe ein neues Hobby, es heisst: besoffene Teenager zusammenlesen. Es gibt schönere Hobbys, aber was soll ich machen, wenn ich aus dem Zug aussteige und fast über einen Jungen stolpere, der es sich auf dem Perron auf Müllsäcken gemütlich gemacht hat? Dessen letzter Zug nach «Oohhhdiiachhh» (Oberdiessbach) längst abgefahren ist? Dessen Handy keinen Akku mehr hat? Eben. Weil der arme Junge sich auch nicht mehr an die Telefonnummer seiner Eltern erinnern konnte, holten wir halt zu schlechter Letzt die Polizei. Nicht weniger bemitleidenswert der Giel, der mir beim Kursaal entgegentorkelte, alle paar Schritte drohte er aufs Trottoir zu plumpsen, mehrmals tat er das auch. Zwei ältere Frauen schlugen sich entsetzt die Hände vor den Mund, taten aber nichts, also packte ich den Jungen und schleifte ihn zur Tramhaltestelle, wo er sich schön rosarot über seine Schuhe ergab. Er sei 14, sagte er, und habe im Wankdorf Club seine Konfirmation gefeiert. Die Eltern holten ihn eine halbe Stunde später mit besorgter Miene ab. Es war noch nicht einmal Mitternacht.
Ich ging heim und dachte: armer Giel. Morgen wird er grad zweimal Donnerwetter erleben, einmal im Kopf und einmal von den Eltern. Aber vielleicht lernt er was. Zum Beispiel, künftig Bier zu trinken statt Gummibärli.
Sarah Pfäffli
Samstag, 1. Oktober 2011
Samstag, 24. September 2011
Bienne: Promo pour Bienne
In Biel legte Madame Herbst ihren grauen Schleier über die Innenstadt. Das war einerseits einigermassen deprimierend, andererseits Gelegenheit, wieder einmal so wunderbare warme alkoholische Getränke wie Kafi Lutz oder Tee Rum zu konsumieren. Und auch Gelegenheit, innezuhalten und zurückzublicken. Auf rund dreissig Tage Biel-Bashing in den Medien, von «20 Minuten» bis «Tages-Anzeiger».
Ein alter Bekannter nahm sich die Mühe und legte eine kleine, aber furchteinflössende Auswahl aufs bereits vom Rum verklebte Bistrotischchen. Wir lasen. 22. August: «Explosionen und brennende Autos: Biel unter Schock». 26. August: «Biel – kleine Stadt mit heftigen Eruptionen». 31. August: «Jedes fünfte Kind in der Stadt Biel ist auf Sozialhilfe angewiesen». 6. September: «Reportage aus Biel: Eine Uhrenstadt kämpft gegen die Armut».
Wir schwiegen einen Moment. Das Schöne an diesen Geschichten sei ja, brummte der Bekannte dann, dass sich so ganz bestimmt kein Schwein mehr nach Biel traue und wir so die geilste Stadt der Welt, wie er sagte, für uns ganz alleine haben. Das sei mal echte Promo pour Bienne. Ich schlug eine Zeitung auf. Die aktuelle Schlagzeile über unsere Heimat verschwieg ich dem Bekannten dann, aus Rücksicht. Im «Blick» stand in fetten Lettern: «Biel – so stark wie nie!»
Fabian Sommer
Ein alter Bekannter nahm sich die Mühe und legte eine kleine, aber furchteinflössende Auswahl aufs bereits vom Rum verklebte Bistrotischchen. Wir lasen. 22. August: «Explosionen und brennende Autos: Biel unter Schock». 26. August: «Biel – kleine Stadt mit heftigen Eruptionen». 31. August: «Jedes fünfte Kind in der Stadt Biel ist auf Sozialhilfe angewiesen». 6. September: «Reportage aus Biel: Eine Uhrenstadt kämpft gegen die Armut».
Wir schwiegen einen Moment. Das Schöne an diesen Geschichten sei ja, brummte der Bekannte dann, dass sich so ganz bestimmt kein Schwein mehr nach Biel traue und wir so die geilste Stadt der Welt, wie er sagte, für uns ganz alleine haben. Das sei mal echte Promo pour Bienne. Ich schlug eine Zeitung auf. Die aktuelle Schlagzeile über unsere Heimat verschwieg ich dem Bekannten dann, aus Rücksicht. Im «Blick» stand in fetten Lettern: «Biel – so stark wie nie!»
Fabian Sommer
Samstag, 17. September 2011
Burn: Die guten Alten
Wenn mich auf der Kornhausbrücke jemand auf dem Velo in einem Affenzahn überholt und ich erleichtert sehe, ach, ich bin gar nicht so lahm, das war wieder so ein Elektrovelo, denke ich: Diese Alten werden ja immer jünger. Und es gibt auch immer mehr davon.
Ein Arbeitskollege von mir zum Beispiel liess sich vor kurzem pensionieren. Dafür besuchte er eigens einen Kurs, weil so eine Pensionierung ist eine komplizierte Sache. Als er uns das erzählte, rieten meine Gspänli und ich ein bisschen, was für Ratschläge man Frischpensionierten wohl mit auf den Weg gibt:
nicht zur Feierabendzeit und am Samstagnachmittag einkaufen gehen?
Dem Frölein an der Kasse lieber mal ein Nötli geben, statt Münz exakt abzählen?
Ausflüge nicht unbedingt auf die Pendlerzeiten terminieren?
Vor dem Zug höflich warten, bis die Leute ausgestiegen sind (es hat für alle Platz)?
Jugendliche nicht zusammenscheissen (sie sind eh stärker, frecher, und es nützt nichts)?
Im Tram nicht schon drei Haltestellen vor dem Ziel aufstehen?
Unser Arbeitskollege, der Frischpensionierte, ist zum Glück ein humorvoller Mensch. Er lachte grossmütig über unsere schnippischen Vorschläge. Und meinte schliesslich: ja, etwa in die Richtung. Und Dignitas hatte bei dem Kurs auch noch einen Stand.
Sarah Pfäffli
Ein Arbeitskollege von mir zum Beispiel liess sich vor kurzem pensionieren. Dafür besuchte er eigens einen Kurs, weil so eine Pensionierung ist eine komplizierte Sache. Als er uns das erzählte, rieten meine Gspänli und ich ein bisschen, was für Ratschläge man Frischpensionierten wohl mit auf den Weg gibt:
nicht zur Feierabendzeit und am Samstagnachmittag einkaufen gehen?
Dem Frölein an der Kasse lieber mal ein Nötli geben, statt Münz exakt abzählen?
Ausflüge nicht unbedingt auf die Pendlerzeiten terminieren?
Vor dem Zug höflich warten, bis die Leute ausgestiegen sind (es hat für alle Platz)?
Jugendliche nicht zusammenscheissen (sie sind eh stärker, frecher, und es nützt nichts)?
Im Tram nicht schon drei Haltestellen vor dem Ziel aufstehen?
Unser Arbeitskollege, der Frischpensionierte, ist zum Glück ein humorvoller Mensch. Er lachte grossmütig über unsere schnippischen Vorschläge. Und meinte schliesslich: ja, etwa in die Richtung. Und Dignitas hatte bei dem Kurs auch noch einen Stand.
Sarah Pfäffli
Samstag, 10. September 2011
Bienne: Drama im Garten
In Biel war Mittag. Ein paar alte Bekannte hatten Lust auf Währschaftes, also fuhr ich mit ihnen in einen Vorort, in eine Banlieue quasi. Die Einheimischen nannten den Ort früher Brügglyn, weil sie ihn so cool fanden. Und ich muss sagen, Brügg bei Biel ist bis heute die beste suburbane Gemeinde der westlichen Hemisphäre.
Jedenfalls nahmen wir in einem lauschigen Biergarten Platz und bestellten Rüeblisuppe mit Rahmhäubchen, Spätzlieintopf mit Brotkrümeln und Zwiebelschwitze und einen Halben Eistee. Alles war gewohnt solid: Essen, Bedienung, die Alkis am Stammtisch. Wir genossen gerade gemeinsam Heimatgefühle, als sich Schreckliches ereignete. Ein stattliches Kaninchen war aus seinem nahe gelegenen Gehege ausgebrochen und rannte jetzt mit Höchstgeschwindigkeit durch den Biergarten, die Besitzerin, ein junges Mädchen, hinterher. Plötzlich Totenstille. Der grosse schwarze Hund eines Gastes am Nebentisch hatte zugeschnappt. Das Häschen starb noch auf der Unfallstelle, im Biergarten wagte man kaum zu atmen. Und was tat die Serviceangestellte? Sie gab uns eine Kostprobe typisch suburbanen Humors. Keine Angst, sagte sie, morgen haben wir sicher kein Kaninchen auf der Menükarte.
Fabian Sommer
Jedenfalls nahmen wir in einem lauschigen Biergarten Platz und bestellten Rüeblisuppe mit Rahmhäubchen, Spätzlieintopf mit Brotkrümeln und Zwiebelschwitze und einen Halben Eistee. Alles war gewohnt solid: Essen, Bedienung, die Alkis am Stammtisch. Wir genossen gerade gemeinsam Heimatgefühle, als sich Schreckliches ereignete. Ein stattliches Kaninchen war aus seinem nahe gelegenen Gehege ausgebrochen und rannte jetzt mit Höchstgeschwindigkeit durch den Biergarten, die Besitzerin, ein junges Mädchen, hinterher. Plötzlich Totenstille. Der grosse schwarze Hund eines Gastes am Nebentisch hatte zugeschnappt. Das Häschen starb noch auf der Unfallstelle, im Biergarten wagte man kaum zu atmen. Und was tat die Serviceangestellte? Sie gab uns eine Kostprobe typisch suburbanen Humors. Keine Angst, sagte sie, morgen haben wir sicher kein Kaninchen auf der Menükarte.
Fabian Sommer
Samstag, 3. September 2011
Burn: Baden macht selig
Sodeli, der Franken ist wieder ein bisschen schwächer, die Welt ist gerettet. Oder äch doch nicht? Ein bisschen hat mich in den letzten üblen Wochen das Gefühl beschlichen, dass es uns vielleicht niemals mehr so gut gehen wird wie gerade jetzt. Was ein neues Gefühl ist, weil es uns bisher doch immer noch besser und noch besser ergangen ist. Ich glaube, meinen Gspänli geht es ein bisschen ähnlich, aber da niemand so recht weiss, wie damit umgehen, umgehen wir das Thema einfach. Und hüpfen fröhlich in die Aare, sie schwemmt die Sorgen mit sich weg, und raus kommt man immer ein bisschen freier und besser, als man davor war.
Oder wir erzählen uns stundenlang Witze und Anekdoten. Eines meiner Gspänli berichtete beispielsweise, seine Grosseltern hätten früher Bedienstete beschäftigt. Als eines Abends Spanferkel gereicht wurde, bat die Familie die Haushälterin, das Schwein doch bitte mit einer Zitrone im Maul zu servieren. Die Haushälterin gehorchte widerwillig. Aber als sie schliesslich das Esszimmer betrat, hatte sie die Zitrone im Mund.
Wir weinten Tränen bei unserer Flucht in die gute, leichte, lustige alte Zeit. Selig ist das Volk, das Geschichten erzählen und in einem Fluss baden kann.
Aber von weit her weht schon ein ungewisser Herbst herbei.
Sarah Pfäffli
Oder wir erzählen uns stundenlang Witze und Anekdoten. Eines meiner Gspänli berichtete beispielsweise, seine Grosseltern hätten früher Bedienstete beschäftigt. Als eines Abends Spanferkel gereicht wurde, bat die Familie die Haushälterin, das Schwein doch bitte mit einer Zitrone im Maul zu servieren. Die Haushälterin gehorchte widerwillig. Aber als sie schliesslich das Esszimmer betrat, hatte sie die Zitrone im Mund.
Wir weinten Tränen bei unserer Flucht in die gute, leichte, lustige alte Zeit. Selig ist das Volk, das Geschichten erzählen und in einem Fluss baden kann.
Aber von weit her weht schon ein ungewisser Herbst herbei.
Sarah Pfäffli
Samstag, 27. August 2011
Bienne: Linke Füsse
In Biel war fast Mitternacht, und das Thermometer auf dem Zentralplatz zeigte noch 33 Grad an. Vielleicht lag das daran, dass wir als weltweit wichtigste Metropole der Uhrmacherkunst eine japanische Digitaluhr mit Digitalthermometer auf den wichtigsten Platz der Stadt gestellt haben und die einfach nicht funktioniert. Womöglich war es aber auch einfach wirklich scheisse heiss.
Jedenfalls traf ich just unter der Uhr einen alten Bekannten. Einen, der viel zu erzählen hatte. Also erstens, sagte er, habe er gelernt, dass es bei echter Hitze nichts bringt im Bielersee zu baden. Da nütze, und das sage er als Bieler gerade gegenüber Bernern ungern, nur die Aare. Ich pflichtete bei, wenn auch schweren Herzens.
Dann kam der Bekannte auf einen Mann mit zwei offensichtlich linken Füssen zu sprechen, der kürzlich vor dem Volkshaus mit seinem Rollator mitten in einen Restauranttisch gefahren ist und daraufhin von Gästen und Personal versorgt werden musste.
Und als wäre das nicht genug, begann der Bekannte plötzlich über das «Schuh-Paradies» zu wettern. Ein Botty für die ganz Armen sei das, fluchte er. In einen dieser Schuhläden sei kürzlich ebenfalls ein Mann mit zwei linken Füssen gekommen, flüsterte er dann verschwörerisch. Er habe nach Flip-Flips gefragt.
Fabian Sommer
Jedenfalls traf ich just unter der Uhr einen alten Bekannten. Einen, der viel zu erzählen hatte. Also erstens, sagte er, habe er gelernt, dass es bei echter Hitze nichts bringt im Bielersee zu baden. Da nütze, und das sage er als Bieler gerade gegenüber Bernern ungern, nur die Aare. Ich pflichtete bei, wenn auch schweren Herzens.
Dann kam der Bekannte auf einen Mann mit zwei offensichtlich linken Füssen zu sprechen, der kürzlich vor dem Volkshaus mit seinem Rollator mitten in einen Restauranttisch gefahren ist und daraufhin von Gästen und Personal versorgt werden musste.
Und als wäre das nicht genug, begann der Bekannte plötzlich über das «Schuh-Paradies» zu wettern. Ein Botty für die ganz Armen sei das, fluchte er. In einen dieser Schuhläden sei kürzlich ebenfalls ein Mann mit zwei linken Füssen gekommen, flüsterte er dann verschwörerisch. Er habe nach Flip-Flips gefragt.
Fabian Sommer
Samstag, 20. August 2011
Burn: Im Steuerparadies
Dann wurde es plötzlich doch noch Sommer, und wir lagen im Dunkeln auf dem warmen Asphalt. Wir stellten uns vor, die Militäranlage wäre ein Palast und die Kasernenwiese der Schlosspark, und starrten zum Himmel. Alle paar Minuten sah wieder jemand eine Sternschnuppe, nur ich nicht; unsere Haare rochen nach Rauch und Grill, wir hatten die Bäuche voll Bratwurst und Bier und sprachen über die üblichen Dinge: Massaker und Überfälle. Steuern, Progression und Abzüge. Sehr erwachsen und sehr unromantisch für diese romantische Nacht.
Ich hielt sogar ein flammendes Plädoyer fürs Steuerzahlen, erzählte von dessen fundamentaler Bedeutung für ein Staatswesen, nicht nur in finanzieller Hinsicht, zitierte Studien über Steuerexperimente in afrikanischen Dörfern, lobte unser Land, die Stabilität, die Sicherheit, die Sauberkeit, gar die hundekotfreie Wiese; ferner die Liberalität und dass man auf offener Strasse Alkohol trinken dürfe, obwohl das nun ja wohl gar nichts mit den Steuern zu tun hat.
Und ich schloss mit dem denkwürdigen Satz: «Ich zahle gern Steuern.» Am nächsten Tag hatte ich Kopfschmerzen, aua, und holte die Post aus dem Briefkasten. Darunter ein Brief von der Steuerverwaltung. Die zweite Ratenrechnung. Aua, aua, aua.
Sarah Pfäffli
Ich hielt sogar ein flammendes Plädoyer fürs Steuerzahlen, erzählte von dessen fundamentaler Bedeutung für ein Staatswesen, nicht nur in finanzieller Hinsicht, zitierte Studien über Steuerexperimente in afrikanischen Dörfern, lobte unser Land, die Stabilität, die Sicherheit, die Sauberkeit, gar die hundekotfreie Wiese; ferner die Liberalität und dass man auf offener Strasse Alkohol trinken dürfe, obwohl das nun ja wohl gar nichts mit den Steuern zu tun hat.
Und ich schloss mit dem denkwürdigen Satz: «Ich zahle gern Steuern.» Am nächsten Tag hatte ich Kopfschmerzen, aua, und holte die Post aus dem Briefkasten. Darunter ein Brief von der Steuerverwaltung. Die zweite Ratenrechnung. Aua, aua, aua.
Sarah Pfäffli
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