Samstag, 5. September 2009

Bienne: Bisle

In Biel war Montagabend, die Stimmung war sosolala. Niemand bestellte Alkohol, Wochenanfang und so. Ich traf trotzdem einen alten Kollegen.

Ihm sei heute im Büro etwas passiert, das nur einem Mann passieren könne, erzählte er. Gegen 11 Uhr habe er pinkeln müssen. Kein Thema eigentlich.

Doch bei ihm im Büro stünden die Pissoirs sehr nahe nebeneinander, und zwar ohne Trennwand. Wenn da das Nachbarpissoir besetzt sei, könne er nicht. Er könne so einfach nicht, knurrte der Kollege.

Der Worst Case sei um Punkt 11 Uhr eingetroffen. Und der Kollege vor dem Nachbarpissoir habe offenbar das genau gleiche Problem. Also: 2 Männer, 2 Pissoirs, 0 Milliliter Urin, 1 Million Peinlichkeitspunkte. Beide hätten dann pro forma abgeschüttelt und seien wortlos Richtung Arbeitsplatz abmarschiert.

Exakt acht Minuten später habe er einen zweiten Anlauf genommen, erzählte der Kollege. Rat mal, sagte er leise.

Rat mal, wer reingekommen ist, als ich gerade gekonnt hätte.

Fabian Sommer

Samstag, 29. August 2009

Bern: Tschesé Sommer

Dem Sommer wachsen schon graue Haare, die Sonne nickt beim Znacht manchmal ein, und die Aare mag auch nicht mehr so recht. Es ist Ende August, und es könnte jetzt jeden Tag so weit sein: Dass wir plötzlich nicht mehr wissen, wie das geht, in der Badehose rumlaufen und nicht frieren. Oder sich wochenlang nur von Pommes frites mit Currysauce ernähren. Auf einmal können wir es uns nicht mehr vorstellen, wie wir all das Bier überlebten und die Massenwanderungen am Aareufer auf dem heissen Asphalt. Schütteln ungläubig den Kopf beim Gedanken, dass der Körper selbst nach ganz wenig Schlaf und mehreren Rauchvergiftungen von all den Grillfesten funktionierte. Und bald erinnern wir uns auch nicht mehr daran, dass wir je ohne Handschuhe an den Fussballmatch gingen.

Noch schleicht sich die Kälte zwar erst als Wind getarnt an, aber bald wird sie da sein.

Dann helfen nur noch feine Melancholie, dunkler Milchkaffee und heisse Marroni. Ist ja auch was. Ich sag schon mal: tschesé Sommer, du alter Sack.

Sarah Pfäffli

Samstag, 8. August 2009

Bienne: Pissoir

In Biel war Fussball, Challenge League, zweite Runde. Der Gegner hiess Stade Nyonnais, die Zuschauerzahl betrug 552, und ich traf einen alten Kollegen.

Er sei in vielen Stadien gewesen, erzählte er nach dem 3:0 für unser Team. Auf die Gurzelen aber komme er immer wieder zurück, so schön sei das hier. Nirgendwo sonst, meinte er, sei das Fussballerlebnis so echt. Dieser Geruch nach Rasen! Diese verkohlten Würste! Diese Nähe zu den Spielern! Und dann, vor allem: diese Matchbesucher! Noch von altem Schrot und Korn!
Ich sah mich um. Die rostige Haupttribüne. Hinter dem Spielfeld ein schlechtes Graffiti auf bröckelndem Beton. Das Pissoir, eine schwarze Wand.

Es ist wirklich schön hier, sagte ich zum alten Kollegen.

Dann lauschten wir. Vor uns standen zwei Alte mit Rösslistumpen. Er verstehe es nicht, brummte der eine. Warum nur stellen sie hier nicht ein Dreierpissoir auf, so mit Röhren, wie an den Festen. Weisst du, sagte er, so eins, wo man sich in der Mitte gegenseitig anseicht.

Fabian Sommer

Samstag, 25. Juli 2009

Bern: Skilager

Ich fand das immer einen ganz hübschen Vergleich, und ich bemühte ihn fast inflationär: Gurtenfestival ist wie Skilager.

Mit dem Bähnli auf den Berg, weit weg von daheim. Ausnahmezustand und Alkohol. Keine Eltern weit und breit. Sich aufführen wie Kinder. Ausrutschen und ein Bein brechen auf der Piste. Zu wenig schlafen. Bisschen Rummachen mit jemandem, weil was dort oben auf dem Berg passiert, bleibt dort oben. Fies tun gegen die blöden Kinder vom anderen Skilager (oder lachen über die peinlichen Idioten im Baccardi-Zelt). Flaschen vor dem Lehrer verstecken (oder vor den Broncos bei der Eingangskontrolle). Lustige Skimützen gegen die Kälte tragen (oder blöde Hüte und Sonnenbrillen gegen die Sonne). Das alles einfach mit Bier statt Pescafrizz.

Solches Zeug dachte ich auch dieses Jahr wieder und fands wahnsinnig originell. Bis es vergangenes Wochenende dann plötzlich saukalt wurde.

Und sich am Gurtenfestival einmal so richtig Skilagerfeeling einstellte

Sarah Pfäffli

Samstag, 18. Juli 2009

Bienne: Telefönli

In Biel war Abend, es war kühl für die Jahreszeit. Alle standen draussen, weil man drinnen nicht mehr rauchen darf. Ich traf einen alten Freund.

Er rege sich fürchterlich auf, sagte er. Diese Verniedlichungen, er könne sie nicht mehr hören. Mit den Gspänli ans Seeli, ein Würstli vom Grill und ein Bierli dazu; hallo, gehts noch.

Ein schnelles Autöli, ein schönes Tägli, ein wunderschönes Mörgeli? Der Freund redete sich in Rage. So sprechen vielleicht Spielgruppenleiterinnen mit Birkenstocksandalen oder Pädagogen mit freikirchlichem Hintergrund und Fischklebern auf dem Heck. Aber normale Menschen?

Er arbeite seit ein paar Tagen mit einem neuen Kollegen zusammen, erzählte der Freund. Der sei in Sachen -li nicht zu toppen. Erst vor ein paar Tagen habe ihn der Typ gefragt, ob er sein Nateltelefönli ausleihen dürfe. N-a-t-e-l-t-e-l-e-f-ö-n-l-i, buchstabierte der Freund. Schlimmer gehts nicht.

Jedes Mal, wenn er den getroffen habe, sagte der Freund, brauche er ein Zigarettli.

Fabian Sommer

Samstag, 11. Juli 2009

Bern: Nipplegate

Es ist ja immer so: Wenn man in Bern jemanden treffen will, trifft man ihn ganz bestimmt nicht. Das gilt für Grossereignisse wie das Gurtenfestival ganz besonders, hat aber auch in umgekehrter Richtung seine Gültigkeit: Wenn man gerade niemandem begegnen will, trifft man bestimmt die halbe Stadt. Das musste ich kürzlich wieder feststellen.

Es dunkelte schon ein, da beschlossen mein Gspänli und ich, zwecks Abkühlung in die Aare zu hüpfen. Also ab ins zugemüllte Marzili. Kleider weg, Bikini an, hops, pflatsch, treiben lassen. Wieder frisch und äusserst fröhlich entstiegen wir dem wunderbaren Gewässer.

Nie steht dort jemand oben an der Treppe. Nie. An diesem Abend aber schon. Viele Bekannte von mir beim Biertrinken. Ich winkte fröhlich und freute mich.

Bis ich merkte, dass mir die fiese Aare beim Aussteigen den Bikini runtergezogen hatte.

Hupsala.

Der fragliche Aare-Ausstieg heisst seither in gut unterrichteten Kreisen «Nipplegate».

Sarah Pfäffli

Samstag, 4. Juli 2009

Bienne: Finger

In Biel war Pingpongturnier, es gab Weisswein mit Citro, und ich traf einen alten Bekannten.

Er habe an der Barbarie etwas ziemlich Hässliches erlebt, berichtete er. Die Barbarie, das nur am Rande, ist die Gegenveranstaltung zum Bieler Sommerfest Braderie und super. Dort sei es passiert, letztes Wochenende, just, als er urinierbereit an einem etwa zweieinhalb Meter hohen Gitterzaun gestanden sei. Ein Mädchen, vielleicht 18, habe über den Zaun klettern wollen, erzählte der Bekannte. Sie sei dann mit ihrem Fingerring im Gitter hängen geblieben und auf den Boden gefallen. Zack. Finger ab. Sie: benommen am Boden. Ihre Freunde: mit Handys und Feuerzeugen am Boden. Im Dunkeln auf Fingersuche.

Der Finger sei schliesslich gefunden und das Mädchen in Spitalpflege überbracht worden, berichtete der Bekannte. Es sei wohl wohlauf.

Vor dem Einschlafen habe er sich vorgestellt, was er getan hätte, wenn er den Finger am nächsten Tag gefunden hätte. Ich wäre an die Bar gegangen, sagte er leise, und hätte Bier bestellt. Elf Bier.

Fabian Sommer