Samstag, 20. Februar 2010

Bern: Tüüfeli

Wenn ich nur fotografieren könnte! Dann würd ich ein super Fotoprojekt machen. Es hiesse «Tüüfeli» und würde alle Bernerinnen zeigen, die als Teufelchen verkleidet an die Fasnacht gehen. Neben jedem Bild hinge ein Foto der Frau im Alltagsoutfit. Damit würde ich illustrieren, wie die Leute in Bern einmal im Jahr einfach total aus sich rauskommen.

So Zeugs überlege ich mir, wenn ich an die Fasnacht denke. Denn die hat in meinem Kopf weniger den Ruf eines fröhlichen Volksfests denn einer Sauferei, bei der in jede Ecke gebislet und gekötzlet wird.

Ich sehe da nur drüber hinweg, weil ich mir selber gern Verkleidungen ausdenke. Zum Beispiel als Berner DJ-Duo Round Table Knights. Als «Wuffli, ein Fall für den Tieranwalt». Als Hipster, mit Hornbrille, Karohemd und Röhrlijeans.

«Alles viel zu subtil. Fasnacht ist ironiefreie Zone», sagt mein Gspänli. Ich nicke. Setze mich ans Fenster eines hübschen Cafés, das sich als Tapasbar verkleidet. Und zähle Teufelchen.

Sarah Pfäffli

Samstag, 13. Februar 2010

Bienne: EKF, EKF, EKF!

In Biel war es grotesk: schon Olympiapause, kein Hockey. Noch Winterpause, kein Fussball. Setzte ich mich halt in eine Bar und traf einen alten Bekannten.

Wir unterhielten uns über die grotesken Dinge im Leben, als ein fein gekleideter, etwa 45-jähriger Mann das Lokal betrat. Er sprach ohne Pause. Ich wusste plötzlich, was mit der Redensart gemeint ist: Es sprudelte nur so aus ihm heraus.

Er habe heute Geburtstag, wie Marlene Dietrich. Was, 4 Franken 20 für eine Cola, dafür könnte er sich ja ein Sixpack kaufen. Der Dritte Weltkrieg stehe bevor, und die Schweiz? Mittendrin! Er wisse es aus sicherer Quelle. Aber er sei gerüstet. EKF, EKF, EKF! Er wiederholte es immer wieder. Elektronische Kriegsführung, erklärte er, mit dem Handy Bomben zünden.

Dann verschwand der Mann in die Nacht. Und es war auf einmal gar nicht mehr grotesk, dass manchmal gleichzeitig Olympia- und Winterpause ist.

Fabian Sommer

Samstag, 6. Februar 2010

Bern: Geliebte Lakonie

Es gibt Fragen, auf die sollte man immer eine Antwort parat haben. Fragen nach Hobbys, Lieblingsfilm und Lieblingssong zum Beispiel. Kürzlich kam auf dieser Liste eine weitere dazu. Ein alter Bekannter fragte mich: «Und wo gehst du so in den Ausgang?» Wir sassen im Tram, es war Freitagabend, um uns herum tranken sich die Kids fürs Barstreet-Festival warm.

Früher hatte ich manchmal noch einen Lieblingsclub. Aber das ist wohl eine Altersfrage. Inzwischen bin ich am liebsten dort, wo private Zusammenrottungen stattfinden. Denn es gibt ihn für mich nicht mehr in Bern, den richtigen Ort. Es gibt nur das richtige Personal.

Dazu gehört jener junge Herr, der mich kürzlich in einem zugerauchten Keller nach meinen Hobbys fragte. Mangels der oben empfohlenen Vorbereitung sagte ich blöd: «Schöne Kleider sammeln.»

Worauf mich der Herr musterte und fragte: «Warum ziehst du sie dann nicht an?»

Geliebte Berner Lakonie! Er zog grinsend davon; ich lachte, hustete ein wenig und dachte: Am Barstreet-Festival wäre mir so was Hübsches nie passiert.

Sarah Pfäffli

Samstag, 30. Januar 2010

Bienne: Rue du Congo

In Biel war Dienstagabend, alles leer. In einer Vitrine lagen Schokoriegel. Twix heisst wieder Raider, aber das nur nebenbei.

Ich traf einen alten Bekannten. Einen, der ziemlich politisch ist. Vor ein paar Jahren, berichtete er, habe ein Antiquitätenhändler in Paris ein Emailschild mit der Aufschrift «Rue du Congo» erstanden und es an die Fassade seines Bieler Hauses gehängt. Das verzierte Gebäude sei in einer schmalen Passage ohne eigenen Strassennamen gestanden. Ein Stadtrat von Rechtsaussen habe dann im Parteiblatt drüber geschrieben.

Der Bekannte kramte einen Zettel hervor, den er offenbar seit Jahren aufbewahrt. Dann las er vor, was der Politiker formuliert hatte: «Ich warne davor, dass unsere Strassenzüge still und illegal anhand der verfehlten Einwanderungspolitik geändert werden.»

Wir verschoben uns von der General-Dufour-Strasse an den General-Guisan-Platz und tranken ein Bier aus Afrika.

Fabian Sommer

Samstag, 23. Januar 2010

Bern: Die Schotten sind nicht dicht

Keine andere Stadt der Welt beschäftige sich so sehr mit sich selbst wie Bern. Das hab ich kürzlich in einem alten Artikel gelesen. Nun: Ich würde mich ja gern mehr mit anderen Städten beschäftigen. Nur geht das so selten.

Jetzt grad ist eine Ausnahme: Ich bin in Edinburgh. Einer anderen halben Hauptstadt. Wo auch alles in Laufweite liegt. Und ich bin ganz entzückt: weil hier alle Museen gratis sind. Weil die Leute Schlange stehen an der Bushaltestelle. Weil sie auf der Rolltreppe rechts stehen und links gehen. Ich setze mich in einen Pub und denke, dass ich gern ein wenig schottische Kultiviertheit nach Bern bringen würde.

Dann setzen sich zwei Frauen neben mich, beide mit einer Flasche Wein. Je! Eine! Ich schaue irritiert in die Zeitung. Und lese, dass viele Schotten täglich Ketchup essen, damit ihr Gemüsekonsum so hoch ist wie von der Regierung empfohlen.

Die Berner sind vielleicht selbstreferenziell und unkultiviert. Aber die Schotten sind doch auch nicht ganz dicht.

Sarah Pfäffli

Samstag, 16. Januar 2010

Bienne: In Grau

In Biel war noch immer Winter. Es hatte Pflotsch, die Schuhe der Menschen in der Stadt waren vom vielen Salz ganz grau. Ich traf einen alten Bekannten. Es gab Kaffee und kroatischen Baumnussschnaps, unser Thema war Fernsehen.

Wir haben in Biel ja einen eigenen Sender, TeleBielingue. Und auf ebendiesem sagte die Moderatorin kürzlich Impressionen aus dem winterlichen Biel an. Man sah: drei Tauben. Auf grauem Platz. Vier Schwäne. Auf grauem See. Einen kleinen Jungen mit Schlitten. Auf grauem Schnee. Eine Ansicht der Stadt vom etwas höher gelegenen Tierpark aus. In Grau.

Wir seufzten leise über unser Fernsehprogramm, gingen nach draussen und rauchten eine. Am Strassenrand lugte ein Maiglöckchen aus der Matschdecke. Vis-à-vis zungenküsste ein Punker mit Hund seine Freundin.

Ich glaubte, im grauen Zigarettenrauch einen Hauch Frühling zu erkennen.

Fabian Sommer

Samstag, 9. Januar 2010

Bern: Kleinmut

Immer an Feiertagen erinnere ich mich daran, was ich an Bern hasse. Dann versteckt sich in meiner Strasse ein Securitas-Rentner. Den ganzen Tag lang, oft in bitterer Kälte, lauert er darauf, dass jemand an! einem! Feiertag!! seinen Abfall in der Recyclingstation des Quartiers entsorgen will. Dann hüpft er aus seinem Hinterhalt und füllt einen Bussenzettel aus. Sein unterdrückt freudiger Gesichtsausdruck dabei erinnert mich an die Mine der Berner Tramkontrolleure, wenn sie – inkognito, aber mit Umhängetasche und MBT-Schuhen doch unfreiwillig uniformiert – einen Schwarzfahrer erwischen. Oder an die Gesichter der Leute im Bus, die schadenfreudig schauen, wenn man vergeblich auf den Türknopf drückt – und der Bus schliesslich doch ohne einen davonfährt.

In Situationen wie diesen wird es sichtbar: Berns kleinmütiges Gesicht. Nicht die Einwohnerzahl macht eine Stadt zur Metropole. Sondern die wahre Grösse ihrer Bewohner. Deshalb voilà mein Wunsch für 2010: nachhaltiges Wachstum. Messi.